„Das hat mich fast verzweifeln lassen: Erst wenn die Krise zu sehen ist, geschieht etwas.“

Der Förster Josef Göppel ist der vielleicht grünste CSU-Politiker der Welt. Im Bundestag warb er 15 Jahre lang für ein Tempolimit, für eine CO2-Steuer, für eine Finanztransaktionssteuer, für den Atomausstieg. Oft vergeblich. Zur Wahl 2017 trat er nicht mehr an. Wie blickt der 67-Jährige heute auf seine politische Arbeit? Wie sieht er die Klimakrise? Gibt es noch Hoffnung, dass die Politik den Ernst der Lage erkennt? Ein Gespräch mit dem „grünen Gewissen“ der CSU.

Herr Göppel, Sie sind derzeit Energiebeauftragter für Afrika, ein Auftrag des Ministeriums für Entwicklung und Zusammenarbeit. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Der Entwicklungshilfeminister wollte eine Initiative für die ländlichen Räume in Afrika entwickeln. Ich schlug ihm vor, ein Programm aufzulegen, mit dem Deutschland an landwirtschaftlichen Berufsschulen in afrikanischen Ländern einen Elektrotechnik-Zweig anbietet. Wir hoffen, dass zwei oder drei Schüler eines Jahrgangs ein Unternehmen gründen. So soll eine ländliche Mittelschicht entstehen, die den Aufbau erneuerbarer Energien selbst vorantreibt.

Seit einem Jahr gehören Sie nicht mehr dem Bundestag an. Vermissen Sie die Arbeit? 

Ich hatte schon seit längerem vor, mein Mandat mit 67 abzugeben. Trotzdem war ich in den ersten Monaten nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag froh um die neue Aufgabe. 

Was fehlte Ihnen?

Der Abgeordnete kann jedes Thema aufgreifen, er kann selbständig Aktivitäten entwickeln oder Stellung beziehen. Das fehlt mir. Erst mit einem Jahr Abstand wurde mir bewusst, welch großen Bewegungsspielraum das Initiativrecht des Abgeordneten bietet. Sicher, ein Bürger kann auch Initiative ergreifen und Gesetze vorschlagen, doch er wird nicht so leicht gehört.

Sie haben Ihren mittelfränkischen Wahlkreis von 2002 bis 2017 in Berlin vertreten. Was fällt Ihnen im Rückblick auf?

Im parlamentarischen Tagesbetrieb hatte ich immer das Gefühl, viel zu wenig zu bewegen, Fortschritt bemaß sich in Millimetern. Mit ein bisschen Abstand sehe ich, dass Ideen, die ich vor der versammelten Mannschaft der CDU/CSU-Bundestagsfraktion immer wieder ansprach, zu wirken beginnen. 

Wie kann ich mir Sitzungen der CDU/CSU-Fraktion vorstellen? Zu ihrer Zeit zählten dazu gut 310 Abgeordnete.

Das ist jede Woche eine Art Heerschau. Wenn Sie sich da zu Wort melden, müssen alle zuhören. Wortbeiträge und Ideen von mir, die in den Sitzungen schweigend hingenommen wurden, scheinen heute doch noch nachzuhallen. 

Inwiefern?

Ein Beispiel: Wenn durch die Digitalisierung Arbeitsplätze verschwinden, geht dem Staat Lohnsteuer verloren, die er braucht, um Gemeinwohlaufgaben zu finanzieren. Dieses Geld könnten wir durch eine Finanztransaktionssteuer einnehmen. Heute nimmt Deutschland gemeinsam mit Frankreich einen neuen Anlauf in der Sache. 

Sie haben schon vor 25 Jahren nach einer Ökosteuer verlangt, um den CO2-Ausstoß zu senken. Besonders viel ist seither nicht geschehen: Wir blasen unvermindert CO2 in die Atmosphäre.

Sehen wir uns den geschichtlichen Verlauf an: Nach dem Beginn der Industrialisierung dauerte es lange, bis der Staat die Löhne der Arbeiter besteuerte und mit dem Geld seinen Haushalt sicherstellte. Die Industrialisierung begann um 1850, und erst im 20. Jahrhundert kam die systematische Lohnbesteuerung auf. Es dauerte also mehr als ein halbes Jahrhundert, bis es Steuern auf Arbeit gab! Wenn wir nun Finanzgeschäfte zur Finanzierung der Gemeinwohlaufgaben heranziehen wollen, ist das ein ähnlich epochaler Übergang. 

„Schon als Bub übernachtete ich im Wald, beobachtete in der Frühe das Wild, ging um 6 Uhr nach Hause und half meiner Mutter beim Füttern der Kühe, während unser Vater als Pflasterer arbeitete.“

Warum gingen Sie in die Politik?

Als ich junger Förster war, hörte ich 1970 einen Vortrag von Hubert Weinzierl vom Bund Naturschutz, der die Gefährdungen der Umwelt beschrieb. Seine Rede berührte mich. 

Weshalb? 

Ich war der Natur verbunden. Schon als Bub übernachtete ich im Wald, beobachtete in der Frühe das Wild, ging um 6 Uhr nach Hause und half meiner Mutter beim Füttern der Kühe, während unser Vater als Pflasterer arbeitete. Hubert Weinzierls Vortrag weckte meine Sorge um die Heimat. So entstand in mir das Bewusstsein: Du musst jetzt aktiv werden.

Wie geht es dem Wald? 2018 ist ein extrem trockenes Jahr.

Der Wald in Deutschland konnte im letzten Winter seine Wasservorräte auffüllen. Alle tief wurzelnden Pflanzen stehen noch ganz gut da. 

Nur der Fichte geht es schlecht. Sie ist ein Flachwurzler. Der Borkenkäfer verbreitet sich unter den Rinden. 

Noch vor wenigen Jahrzehnten ernteten Förster Proteste der Waldbauern, wenn sie Fichten-Monokulturen kritisierten und 40 Prozent Laubholz-Anteil forderten, um den Wald widerstandsfähiger zu machen.

Und heute? 

Prophezeiungen ändern nichts, das weiß ich heute. Nur das sichtbare Geschehen in der Natur treibt den Menschen an, Dinge zu verändern. 

Die Katastrophe muss vor der Haustür stehen.

Ja. Das hat mich immer wieder fast verzweifeln lassen: Erst wenn die Krise zu sehen ist, geschieht etwas. Erst jetzt, im Sommer 2018 entsteht ein breiter Aufschrei: „Ahh, das muss der Klimawandel sein!“ Jetzt wird es mit der Entwicklung der Erneuerbaren Energien vorangehen. Bremsende Gesetze wie bei der Windenergie in Bayern werden sich nicht aufrechterhalten lassen. 

Josef Göppel im Wald bei Herrieden in Mittelfranken, zusammen mit seinem Hund Asko. (Foto: Peter Roggenthin)

Angeblich ist in Bayern gerade nur ein einziges Windrad in Planung, weil nach einer Initiative des ehemaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer ein Mindestabstand von 2000 Metern zum nächsten Ort gewahrt bleiben muss.

Seehofer stoppte mit diesem Gesetz den Ausbau der Windenergie in Bayern. An der Westgrenze Bayerns sehen Sie, zu welchen Unterschieden das führte: Baden-Württemberg ist dabei, Bayern beim Anteil der Erneuerbaren Energien zu überholen. 

Sie haben den Aufschwung der deutschen Klimapolitik erlebt: Das Abkommen von Rio de Janeiro unter Helmut Kohl, die Zustimmung der Folge-Regierungen, den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Deutschland wuchs zum Vorbild in Sachen Klimaschutz. Im neuen Koalitionsvertrag wurde dann ein entscheidendes Ziel aufgegeben: die Reduktion des CO2-Ausstoßes bis 2020 um 40 Prozent gegenüber dem Jahr 1991. Angela Merkel sah, dass das Ziel utopisch wurde und verschob das Vorhaben um zehn Jahre. Wie haben Sie das erlebt?

Der mutige Schritt Angela Merkels von 2011 …

… als sie den Ausstieg aus der Atomenergie anging … 

… dieser Schritt hat die alten Industrien auf den Plan gerufen. Interessenvertreter der fossilen und atomaren Industrie versuchen bis heute den Umstieg auf die Erneuerbaren Energien hinauszuschieben.

Ist Merkel eingeknickt? 

Sie hat jedenfalls bei der Energiewende und beim Klimawandel Stillstand zugelassen – obwohl sie beides eingeleitet hatte. Das gehört zur Ambivalenz ihrer Kanzlerschaft.

„Ich brauche eine nennenswerte, kritische Masse an Leuten, die etwas ändern wollen. Diese kritische Masse beträgt in einer demokratischen Gesellschaft etwa 25 Prozent.“

Der Sozialwissenschaftler Oliver Geden kritisiert, dass die Politik stets suggeriere, es sei beim Klima 5 vor 12. Dieser Zustand werde bewusst aufrecht erhalten, um Alarmieren zu können – auch wenn es längst viele Minuten nach zwölf ist.

Da hat der Mann recht. 

Dieses Alarmieren scheint wenig zu bewirken. Was braucht es, um eine Veränderung herbeizuführen? 

Ich brauche eine nennenswerte, kritische Masse an Leuten, die etwas ändern wollen. Diese kritische Masse beträgt in einer demokratischen Gesellschaft etwa 25 Prozent – so viele Menschen muss ich erreichen, um neue Entwicklungen anzustoßen. 

Wie kommen Sie auf die Prozentzahl?

Das ist der Erfahrungswert, den ich in der praktischen Politik gewonnen habe.

Wenn mir ein Viertel der Anwesenden in einem Saal in meinem Anliegen folgt, habe ich die Chance, etwas zu verändern?

In einem solchen Fall brauchen Sie nicht mal ein Viertel. In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion reichte es, wenn fünf Abgeordnete in eine Richtung argumentierten. Das war dann ein Trend, den der Fraktionsvorsitzende aufgreifen musste. Eine einzelne Wortmeldung reicht nicht. Das habe ich oft genug erlebt. 

Sie waren sehr häufig die eine Meldung? 

Ja. Es war aber fast immer so, dass mich beim Rausgehen aus der Sitzung fünf oder sechs Abgeordnete ansprachen und sagten: „Du hast recht, eigentlich bin ich deiner Meinung.“ Eigentlich. 

War das genug Zuspruch zum Weitermachen?

Ich spürte, dass die Dinge auch in den Köpfen der Anderen wirken. Die Debatte zur Finanztransaktionssteuer zum Beispiel schien zu Beginn eine Gotteslästerung zu sein. Der Durchbruch kam erst, als auch Wolfgang Schäuble sich zu Wort meldete und sagte: Wir brauchen angesichts der übernationalen Konzerne eine andere Finanzierungsbasis für die Staaten. Die Idee wurde aufgenommen und mit zweieinhalb Milliarden Euro im Bundeshaushalt veranschlagt. Das wäre der deutsche Anteil einer europäischen Transaktionssteuer gewesen – wenn die Finanzlobby sie nicht blockiert hätte.

Immer wieder spricht man von Ihnen als „grünem Gewissen“ der CSU. Sie zwangen die Parteispitze, ihr Umweltprogramm zu überarbeiten. Sie regten ein Tempolimit an, worauf sich der BMW-Chef bei Ministerpräsident Max Streibl über Sie beschwerte. Und der reagierte. 

Ich war damals normaler Revierförster. Meine Vorgesetzten mussten mir mitteilen, dass ich mich staatstreu zu verhalten hätte, eine Direktive von Max Streibl. Der aber wusste nicht, dass meine Chefs die Nachricht mit einem Augenzwinkern überbrachten. Sie fanden selbst, es sei Zeit für ein Tempolimit.

„Mich prägt das alte bäuerliche Denken, dass man einen Platz, auf dem man selbst steht, nicht verlässt.“

Sie haben mit ihren Positionen in der CSU viel Ärger erzeugt. Fraktionschef, Generalsekretär, Wirtschaftsminister – alle wiesen Sie zurecht. Warum haben Sie nicht klein beigegeben?

Der Grund liegt vielleicht in meiner Herkunft aus einer fränkischen Kleinbauernfamilie. 

Wie meinen Sie das?

Mich prägt das alte bäuerliche Denken, dass man einen Platz, auf dem man selbst steht, nicht verlässt. Dazu gehört Geduld und Standhaftigkeit, etwas durchtragen.

Wer hat Ihnen diese Standhaftigkeit eingeimpft?

Die Göppel sind immer arm gewesen. Wir hatten sieben Hektar landwirtschaftliche Fläche mit Böden der Ertragsmesszahl 20 … 

Das ist wenig, die Skala reicht bis 100. 

Der erste Göppel auf unserem Hof ist 1582 genannt. Diese lange Geschichte hat bei uns immer eine Rolle gespielt. Durchtragen und Standhalten – dieses Denken haben viele im ländlichen Bereich.

Sie hätten zu den Grünen gehen können. 

Ich kannte Herbert Gruhl, der aus der CDU rausgeekelt wurde war und dann zu den Initiatoren der Grünen gehörte. Kurz nach Gründung der Partei geriet er mit seinen Positionen jedoch bereits in eine Minderheitenposition. Diese Beobachtung spielte für mich eine Rolle. 

„Fortschritt kommt in Wellen: Auf Jahre der Bewegung folgen Jahre des Stillstands. Aber die Wellen entstehen nicht von selbst. Es muss Menschen geben, die sie erzeugen.“

Sie wollten wirksam bleiben?

Es muss schon in der Sache Erfolge geben, sonst macht es keine Freude. Nach 1980 kam die Phase des Waldsterbens und innerhalb kurzer Zeit wurden deutsche Kraftwerke entschwefelt. In den Jahren ab 1984 tat sich wenig. 1992 inspirierte die Rio-Konferenz die Gründung von Agenda 21-Gruppen auf lokaler Ebene: Damals hatte ich wieder das Gefühl, es geht vorwärts. Dann die beginnende Klimadebatte, dann wieder Stillstand. Fortschritt kommt in Wellen: Auf Jahre der Bewegung folgen Jahre des Stillstands. Aber die Wellen entstehen nicht von selbst. Es muss Menschen geben, die sie erzeugen. 

Kennen Sie das Gefühl von Erfolg? 

Ja, als ich meine Stimmkarte bei der namentlichen Abstimmung zur Abschaltung der Atomkraftwerke einwarf. Da hatte ich das Gefühl von Erfolg. 

Beim Tempolimit ging es nicht gut aus. 

Da gab es insgesamt drei Abstimmungen, die ich initiierte und verlor. 

Wie geht man mit solchen Niederlagen um?

Wer in einer Partei nicht im Hauptstrom der Meinungen schwimmt, braucht ein stabiles Nervenkostüm. Ich erinnere mich an eine Szene im bayerischen Landtag, als ich in die Sitzung der CSU-Landtagsfraktion ging und hinten an den Stuhlreihen vorbeilief. Einer der Kollegen beugte sich zu seinem Nachbarn und sagte halblaut: „Jetzt kommt der Depp schon wieder.“ Für dieses Verhalten gibt es ein Wort: Mobbing. Aber wer das nicht aushalten kann, der kann in der Politik nicht bestehen. 

Aber wie hält man das aus?

In dem Bewusstsein, dass die eigenen Ziele richtig sind. 

Haben Sie solche Reaktionen selbst verarbeitet oder brauchten Sie Menschen, die Ihnen rechtzeitig auf die Schulter klopften oder Sie in den Arm nahmen?

Solche hat es immer gegeben. Ehrenhafte Niederlagen lassen sich verkraften. Ich darf mich nur nicht zu einem anderen Verhalten verleiten lassen. Vor einer der Abstimmungen über ein Tempolimit kamen zwei Manager einer Autofirma zu mir und machten mir Angebote. 

Hatten die Männer Schecks dabei?

Nicht direkt. Es ging um Autos. Ich lehnte ab und fahre bis heute kein Auto dieser Marke.

Göppel bei seiner Abschlussrede im Deutschen Bundestag. (Foto: Markus Hammes)

Sie gründeten den Deutschen Verband für Landschaftspflege und setzten sich für regionale Wirtschaftskreisläufe ein. Carl-Dieter Spranger, einst Entwicklungsminister unter Kohl, fand die Idee „provinziell“.

Noch schöner: Er sprach von „ökosozialistischem Unfug“.

Bleiben solche Begriffe hängen?

Ja, ich möchte sie auch nicht vergessen. Gerade diese Formulierung. Bei der Gründung des Deutschen Verbandes für Landschaftspflege 1993 habe ich gesagt, wir brauchen regionale Wirtschaftskreisläufe, wir brauchen das regionale Denken und Haltepunkte für das Gemüt in der globalisierten Welt. Heute haben sich Regionalmarken durchgesetzt.

Was sind „Haltepunkte für das Gemüt“?

Das können alte Bäume sein, oder Bergkuppen, mit denen sich Jugenderinnerungen verbinden. Wenn plötzlich auf einer Kuppe die Halle eines Logistikzentrums steht, dann ist dieser Haltepunkt vernichtet. Um das geht es aktuell in Bayern: Viele Menschen haben das Gefühl, der Landescharakter werde ihnen fremd. Zwischen vielen Ortschaften besteht keine grüne Freifläche mehr. Ich komme nicht mehr raus aus dem Ort, weil ich gleich im nächsten bin, weil die Orte durch Gewerbesiedlungsbänder verbunden sind. Ich komme nicht mehr in die freie Landschaft, in der ich durchatmen kann.

Da geht es um Rhythmus, nehme ich an. 

Sehr stark. Ähnlich ist es bei Bachläufen und Flüssen, die ihren Charakter verlieren, wenn die Bebauung unmittelbar heranreicht. Das Wasser läuft kanalisiert, der Talraum mit dem Gefühl der Frische verschwindet. 

„Das K.O.-Argument war: Den kann man nicht integrieren. So betrachtet konnte ich in der Politik keine normale Karriere erwarten.“

Sie haben einmal anhand eines Seeufers den Vorteil eines Lebens in der Nische erklärt. 

An dem Beispiel lässt sich die Grundsatzdebatte der Ökologie verstehen: Setzt sich der stärkere durch, der die Schwächeren frisst? Oder der Schwache, der in der Nische überlebt? An einem Seeufer leben Schmetterlinge, Singvögel, Lurche und Fische in bestimmten Teilräumen. Sie haben Kontakte, überleben aber, weil sie sich in ihrer Nische bewegen und erfolgreich fortpflanzen. 

Sie sehen die Nische in der Natur als Vorbild für eine andere Wirtschaft? 

Ja. Am starken bayerischen Mittelstand sehen Sie gut, wie das funktioniert, dass kleine wendiger sind und aus ihren Nischen heraus erfolgreich.

Haben Sie aus Ihrer Sicht Karriere gemacht?

Wenn Leute Staatssekretäre werden, verstummen sie. Die dürfen sich nicht äußern, wenn der Minister zu einer Sache etwas sagt. Also müsste man gleich Minister werden. Bei einer der Kabinettsbildungen wurde auch über meine Person geredet. Das K.O.-Argument war: Den kann man nicht integrieren. So betrachtet konnte ich in der Politik keine normale Karriere erwarten. Die Frage ist: Was bewegen die, die auf der Parteilinie liegen und deshalb Karriere machen?

Wie reagiert man auf die Feststellung „den kann man nicht integrieren“?

Bei ehrlicher Betrachtung hatten sie recht.

Standen Sie sich im Weg? 

Vordergründig schon.

Hätten Sie mehr gewollt?

Schon mit Mitte 40 erfuhr ich, dass ich ererbte Zystennieren habe, ein Gendefekt. Wasserblasen auf den Nieren drücken das Parenchym ab. Ich war ansonsten gesund, muss aber bis heute zur Dialyse. Die Krankheit wäre mit einem Regierungsamt auch schlecht vereinbar gewesen. 

Sie gehen Woche für Woche zur Blutwäsche.

Ja. Meine Frau spendete mir 2003 eine Niere, die aber durch eine Infektion beschädigt wurde. Diese Gabe meiner Frau – ein Stück Leben von ihr selbst –, machte mir bewusst, dass die Familie über allem steht.

Wie haben Sie den Sommer 2018 erlebt?

Ich dachte immer, nördlich der Alpen könne es auch in einer Trockenzeit so schlimm nicht kommen. Aber es zeigt sich, dass auch bei uns gewohnte Nutzungen gefährdet werden können.

Inwiefern?

Die Nachricht aus dem Sommer 2018, dass im Flusssystem der Regnitz nur noch 40 Prozent „eigenes“ Wasser und 60 Prozent Wasser aus Südbayern flossen, spricht Bände: Ohne die Wasserüberleitung vom wasserreichen Südbayern hätte es Betriebsschließungen in Nürnberg, Bamberg, Würzburg gegeben. 

Dazu muss man wissen: Die Südbayern stellen seit Jahrzehnten die nordbayerische Wassersicherheit her, indem Wasser aus dem Donaugebiet ins Maingebiet gepumpt wird. 

Alle, die immer sagen, Franken sei so benachteiligt, müssen auch bedenken: Ohne das Wasser aus Südbayern wäre der fränkische Wirtschaftsraum nicht mehr überlebensfähig.

„Ich fürchte, es ist zu spät im Hinblick auf den Lebensraum vieler Menschen. Noch nicht zu spät ist es für die Erde als Ganzes.“

Das Klima erhitzt sich in den vergangenen Jahren immer stärker. Haben Sie Angst?

Schon. Allerdings weniger wegen meiner Kinder und Enkelkinder. Wir leben auf dem 49. Grad nördlicher Breite. Zwischen dem 45. Grad und dem 55. Grad nördlicher Breite, also etwa zwischen Florenz und Kopenhagen, haben wir den ökologisch elastischsten und sichersten Gürtel der Erde. Das ist unser Lebensraum. Angst habe ich in Bezug auf Menschen, die ich in Afrika traf. Im Senegal, am Südrand der Sahara, habe ich ein Dorf besucht. Die Hüftknochen der Rinder am Ortsrand waren nur noch von Haut bedeckt. Die Menschen sagten: „Wir müssen die Tiere schlachten, wir haben nichts mehr, mit dem wir sie füttern können.“ Junge Hirten sagten mir: „Wir möchten hier leben, können aber nicht überleben. Deshalb müssen wir ein Stück nach Süden ziehen. Aber die, die dort schon sind, wollen uns auch nicht! Also werden einige von uns sich auf den Weg nach Europa machen.“ Die Wüstenränder und die Meeresränder sind Zonen, in denen viele Menschen ihren Wohnraum verlieren werden. Diese Wanderungsbewegungen werden ein größeres Ausmaß haben als das, was wir mit dem syrischen Krieg bislang erlebt haben. Das bohrt in mir, das bewegt mich im Alter. Das ist der Grund für meinen ehrenamtlichen Einsatz in Afrika.

Ist es zu spät?

Ich fürchte, es ist zu spät im Hinblick auf den Lebensraum vieler Menschen. Noch nicht zu spät ist es für die Erde als Ganzes.

Welchen Ratschlag geben Sie Menschen des Jahres 2018, die über ein mögliches Engagement nachdenken? 

Kennen Sie das Flugbild der Wildgänse? Es sieht aus wie ein Keil. Die Tiere der Spitzengruppe lösen sich immer wieder ab, sie bestimmen Geschwindigkeit und Richtung. Dann gibt es den breiten Mittelbau und es gibt Nachzügler. Denken Sie nicht nur an Ihre Karriere, gehören Sie zur Spitze, zu den 25 Prozent, die etwas bewegen.

„In der demokratischen Gesellschaft, in der Meinungsvielfalt ist die wichtigste Währung Glaubwürdigkeit. Diese Glaubwürdigkeit bekommen Sie nur, wenn Sie in einem Gebiet sattelfest sind.“

Allerdings gibt es viele Fronten, an denen zu kämpfen ist. Das Klima, Gleichberechtigung, Digitalisierung, Integration, Rechtsradikalismus …

Die Fronten waren immer zahlreich. 

Wie verteile ich meine Kraft?

In der politischen Praxis habe ich gelernt: Du musst dich auf einen Bereich konzentrieren, sonst wirst du nicht gehört. In der demokratischen Gesellschaft, in der Meinungsvielfalt ist die wichtigste Währung Glaubwürdigkeit. Diese Glaubwürdigkeit bekommen Sie nur, wenn Sie in einem Gebiet sattelfest sind. Wer nicht in der Lage ist, in eine Materie tief einzusteigen, bewegt letztlich nichts.

Mochte Sie Edmund Stoiber deswegen dann doch? Er war bekannt als Aktenfresser.

Jedenfalls hat er mich in seine Denkfabrik mehrfach eingeladen. 

Wie war Ihr Verhältnis zu Angela Merkel? 

Mit Frau Merkel hatte ich mehrfach Vier-Augen-Gespräche. Vor der Europäischen Agrarreform sprachen wir zum Beispiel über den Vorschlag, jeder Bauer müsse fünf Prozent ökologische Vorrangflächen schaffen, um Fördergelder zu bekommen. Einen Tag vor der EU-Ratssitzung, in der es genau darum gehen sollte, trafen wir uns. Als ich zu Merkel ins Zimmer kam, sagte sie zur Begrüßung: „Was Sie wollen, wollen alle anderen nicht.“ 

Wie haben Sie geantwortet?

Ich erinnerte mich an den Besuch bei Angela Merkels Vater Horst Kasner. Er war Pfarrer in Templin und hatte mich zum Kommentargottesdienst in das Kirchlein in Alt Placht am Rande von Templin eingeladen. Der Ort besteht aus einer kleinen Kapelle und einem Forsthaus auf einer Rodungsinsel im Wald. Es war der letzte Sonntag im April und mir fielen bei der Anreise die Kiebitze auf der Wiese auf. Ich sagte Angela Merkel, dass es um die Kiebitze von Alt Placht gehe, um deren Lebensräume. 

Die „Haltepunkte fürs Gemüt“.

Merkel stimmte im Europäischen Rat zur Überraschung aller für die fünf Prozent. Einige Wochen später begegnete ich ihr bei einer Abstimmung im Bundestag. Sie sagte nur: „Der Kiebitz lebt noch.“ 

Glauben Sie, dass wir die CO2-Emissionen noch genügend reduzieren können, damit es den Kiebitzen nicht zu heiß wird? 

Ja. Bedenken Sie die Größenverhältnisse: Wenn die Erde so groß wäre wie ein Fußball, dann misst die Erdatmosphäre einen Millimeter. 

Was bedeutet der Vergleich? 

Die Aufgabe ist lösbar. Das Bild hilft, um nicht mutlos zu werden.