„Demokratie ist ein Muskel: Er wird stärker, wenn wir ihn benutzen“

Der Autor Dirk von Gehlen beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie die Digitalisierung unser Leben verändert. Sein Buch Das Pragmatismus-Prinzip ist ein Ratgeber zum gelassenen Leben in einer komplizierten Welt. Ein Gespräch über die Umarmung der Zukunft und die Frage: Was, wenn das Gegenteil richtig ist? 

Dirk, der Klimawandel und seine Folgen machen mir Angst. Kann mir das Pragmatismus-Prinzip helfen? 

Vielleicht. Ich glaube, dass Angst immer aus Handlungsunfähigkeit entsteht. Mein Buch kann helfen, diese Unfähigkeit zu überwinden: Das Pragmatismus-Prinzip ist der Versuch, einen Perspektivwechsel herbeizuführen, wenn Dinge besonders ausweglos oder kompliziert erscheinen.

Unsere CO2-Emissionen verändert die Erde, Populisten verändern den gesellschaftlichen Diskurs, die Digitalisierung verändert unseren Alltag: Ist unsere Gegenwart besonders komplex oder bilde ich mir das nur ein? 

Jede Generation glaubt, dass das, was sie erlebt, existenziell bedrohlich ist. Keine Generation hatte je das Gefühl, in einer entspannten Gegenwart zu leben.

Woher kommt dieses Gefühl?

Ein wichtiger Punkt ist die Wahrnehmung. Johann Wolfgang von Goethe zum Beispiel plagte sich mit Fehlsichtigkeit: Das eine Auge war kurz-, das andere weitsichtig. Er wehrte sich mit Händen und Füßen gegen eine Brille, weil er Sorge hatte, die Brille würde seine Wahrnehmung der Wirklichkeit einschränken.

Klingt nach Altersschrulligkeit.

Ich glaube, in der Geschichte steckt mehr: Goethe nimmt seine eigene Sozialisation, seine eigene Lebenswirklichkeit als einzige aller Wirklichkeiten wahr. Alles, was danach kommt, empfindet er als Angriff. Das Interessante ist: Alle Generationen nehmen das so wahr und wähnen nach ihrer Normalität den Untergang.

Warum ist das so?

Ich zitiere an der Stelle immer den Schriftsteller Douglas Adams, der sagte: Alles, was nach unserem 30. Lebensjahr erfunden wird oder in unser Leben kommt, erscheint uns als Angriff auf die natürliche Ordnung der Dinge.

Wenn ich dein Buch lese, begleitet mich auf Schritt und Tritt der Shruggie, ein Emoticon, das im Angesicht von Problemen die Schultern zuckt. Was richtet der Shruggie gegen unsere augenscheinliche Angst vor Veränderung aus? 

Der Shruggie fordert uns auf, nicht nur das, was wir vor unserem 30. Geburtstag erfahren haben zum Maßstab aller Dinge zu erheben. Der Shruggie fragt uns: Was wäre, wenn das Gegenteil einer Sache richtig wäre? Ich persönlich zum Beispiel will nie in die Lage kommen, zu sagen, ich hätte in einer Sache die einzige Wahrheit gefunden – und wer ihr nicht folgt, liegt falsch. An der Stelle bin ich Demokrat, denn die Idee von pluraler Demokratie ist immer die Bereitschaft, anderen zuzuhören und die eigene Meinung in Frage zu stellen. Wir müssen und dürfen unsere Meinung ändern. Diese Fähigkeit wünsche ich mir von uns allen.

Besonders ausgeprägt ist die Fähigkeit bei vielen nicht. 

Die Menschen in unserer Gesellschaft sind verhältnismäßig alt, entsprechend ist vieles aufs Bewahren ausgerichtet. Wir sind damit beschäftigt, einen Standard zu halten. Aus Angst vor Veränderung gibt es keine große Erzählung mehr, die nach vorne gerichtet wäre. Nun ist die Frage, welches Vorbild wir für die nächste Generation abgeben? Welche Botschaft senden wir mit unserer Rückwärtsgewandtheit? Ich bin Anhänger der Essayistin Rebecca Solnit, die schreibt: „Hoffnung ist die Fähigkeit, das Unbekannte zu umarmen.“ Genau darum geht es. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat es anders formuliert: „Zukunft ist kein Schicksal.“ Wir müssen die Zukunft umarmen. Zukunft ist kein Schicksal, allein unser Handeln beeinflusst, was kommt.


„Der Shruggie handelt, auch wenn die Wirkung nicht immer klar abzusehen ist.“


Aber was hat dieser tatkräftige Blick auf die Zukunft mit dem zurückgelehnten, fast wurstigen Shruggie zu tun? 

Das Schulterzucken per se wirkt sehr passiv, ich weiß. Der Shruggie soll uns die Sorge vor Ratlosigkeit nehmen. Er bereitet Veränderungen vor: Der Shruggie steht für die Idee, dass nicht alles perfekt sein muss, nicht alles ausgeklügelt. Der Shruggie handelt, auch wenn die Wirkung nicht immer klar abzusehen ist.

Was genau ist mit dem Pragmatismus gemeint, der im Buchtitel steht?

Der amerikanische Philosoph Henry James entwickelte im 19. Jahrhundert die Idee des philosophischen Pragmatismus: Er warb dafür, Dinge auszuprobieren und daraus Schlüsse zu ziehen.

Das heißt?

Ich sehe zum Beispiel die Digitalisierung und überlege, wie ich sie in unseren Alltag integriere. Ich sehe ein Smartphone und überlege, welche Anwendungen ich dafür entwickeln könnte. Ich sehe den Klimawandel und möchte einen Umgang damit finden. Nehmen wir deine Frage vom Anfang, deine Angst vor den Folgen des Klimawandels. Was wäre, wenn die Klimawandelleugner recht hätten?

Zu 97 Prozent sind sich Wissenschaftler einig, dass der Klimawandel menschgemacht ist …

Trotzdem ist es wichtig, sich mit den Argumenten der Leugner zu beschäftigen. Und dann musst du überlegen, was du tun kannst. Wo kannst du anpacken? Wo kannst du handeln?


„Ich verstehe Wahrheiten als Tätigkeitswort“


In der ursprünglichen Idee des Pragmatismus steckt also kein Jammern über die Gegenwart, sondern ein Anschauen und Loslegen: Ich soll die Angst-Blockade lösen, indem ich von der Irritation ins Machen komme? 

So ist es: Der Pragmatismus will die Gegenwart anerkennen und sie dann gestalten. Mit diesem Vorgehen kommt man gut durch vermeintlich komplizierte Zeiten, in denen es keine überwölbenden Wahrheiten mehr gibt. Ich verstehe „Wahrheiten“ an der Stelle als Tätigkeitswort: Ich möchte in einer aufgeklärten Gesellschaft leben, in der die Menschen bereit sind, sich Perspektivwechseln zu widmen, auch wenn es wahnsinnig anstrengend ist. Wir haben mit der Demokratie einen wunderbaren Mechanismus, der hilft, diverse Interessen immer wieder neu miteinander abzugleichen.

Dieses Wahrheiten ist interessant, kostet aber viel Kraft: Wenn ich in jeder Situation auch das Gegenteil erkennen und dann noch anerkennen soll, brauche ich Energie. Die hat nicht jeder. Es hat seine Vorteile, wenn das Leben einer Linie, einer Haltung, einem Masterplan folgen kann – und ich nicht tagtäglich den Zustand der Welt neu für mich verhandeln muss. 

Alle suchen immer einen Masterplan, dem sie brav und ohne nachzudenken folgen können. Ich verstehe das nicht. Manchmal sind die Dinge so komplex, dass ich sie nicht überschauen kann. Ich bin zum Beispiel per se gegen Gentechnik in der Lebensmittelproduktion. Aber ist sie nicht doch sinnvoll, um den Hunger in der Welt zu bekämpfen? Gibt es vielleicht gute Gründe für Gentechnik? Ich beobachte, dass Menschen mit besonders starken Haltungen die Argumente der Gegenseite oft gar nicht kennen. Mit dieser Haltung löse ich kein Problem. Auch wenn die Frage „Was, wenn das Gegenteil richtig ist?“ anstrengt – es wird mit der Zeit leichter. Demokratie ist ein Muskel: Er wird stärker, wenn er benutzt wird.

Ist das Pragmatismus-Prinzip vielleicht vor allem eine Aufforderung zum Zuhören?

Zum zweifelnden Zuhören! Was, wenn das Gegenteil richtig ist? Der Autor Clifford Stoll schrieb 1995, warum es mit dem Internet nix wird. Jahre später wurde er zu seinem Text noch einmal befragt. Er formulierte eine entscheidende Lehre für sich selbst: „Wann immer du denkst, du hast es durchschaut – ich glaube, du liegst falsch, Clifford.“

Dein Buch ist eine wunderbare Fundgrube an Zitaten und Verweisen, der Beleg einer ausgiebigen Auseinandersetzung mit Ungewissheit und Angst. Hat sich deine Haltung zum Leben während des Schreibens verändert?  

Es hat mich in meiner Unsicherheit bestätigt. Ich hatte anfangs Zweifel, ob ich mir nicht etwas vormache, ob ich mich in meinem Leben nicht auch einer Wahrheit, einer Haltung verpflichtet fühlen sollte. Heute weiß ich: Nein, dieses Unreine und Provisorische liegt mir. Ich mag es, keine abgeschlossene Haltung zur Welt zu haben.

Das Pragmatismus-Prinzip ist soeben bei Piper erscheinen. Dirk von Gehlen erscheint häufig im Internet, vor allem auf dirkvongehlen.de.

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