Wer den Zauber greifen will, bringt ihn zum Verschwinden

Ein prosperierendes Unternehmen mit gutem Betriebsklima fragt seine Mitarbeiter nach deren Werten, nach den Gründen des guten Zusammenhalts. Einer aus der Belegschaft sorgt sich nun: Man solle das Unsagbare lieber nicht in Worte fassen – weil es sonst kaputt gehe

Vergangene Woche war Sebastian zu Besuch und sprach über seinen norddeutschen Arbeitgeber: 350 Menschen in einem Maschinenbauunternehmen, jeder einzelne hält eine Beteiligung am Betrieb. So entstand über die Jahre eine spezielle Form der Verbundenheit zueinander, der Verantwortung füreinander. Die Anteile können nur innerhalb der Belegschaft gehandelt werden. Braucht einer der Mitarbeiter Geld, vielleicht für sein Haus, fragt er einen seiner Kollegen, ob er ihm vielleicht Anteile verkaufen dürfe. Jedes Jahr gibt es Ausschüttungen je Aktie. Diese Form der Teilhabe hat im Lauf der Jahrzehnte ein sehr zuträgliches Betriebsklima entstehen lassen. Die Fluktuation ist im Vergleich zu anderen Unternehmen gering, die Geschäftsführer können auf ihre Kollegen zählen. Man fühlt sich verbunden.

Inzwischen ist die Unternehmensleitung so stolz auf die Atmosphäre und das gute Miteinander, dass sie die Unternehmensphilosophie in Worte fassen möchte. Eine Frau von außerhalb führt deshalb Gespräche mit ausgesuchten Mitarbeitern. Sie soll den Geist des Maschinenbauers sichtbar machen, sie soll die Werte erkunden, nach denen die Belegschaft zu leben scheint. Sebastian sagt, das Haus sei immer eine Art Familienbetrieb gewesen. Es gibt ja diese Arbeitsplätze mit der Anmutung einer Galeere. Sebastians Haus ist eher ein Hafen, in den man gelassen einläuft, den man jeden Morgen wieder gerne ansteuert. Er sieht diesen Hafen bedroht und fürchtet die Folgen der Werte-Ermittlung. „Sobald man etwas greifen will, verschwindet es“, sagte er mir.

Als er weg war, nahm ich Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ in die Hand. Das Sachbuch des Psychologen war in den Siebziger Jahren ein Bestseller, aber es liest sich auch heute noch mit Gewinn. Auf Seite 41 beginnt das Kapitel mit dem allessagenden Titel „Vor Ankommen wird gewarnt“. Gleich der erste Absatz beginnt mit einem japanischen Sprichwort. „It is better to travel hopefully than to arrive.“ Es ist besser, mit Hoffnung zu reisen als anzukommen. Vielleicht ist es das, was Sebastian meinte. Er will mit Hoffnung weiterreisen, weil er ahnt, dass das Ankommen, das Ausformulieren und Sichtbarmachen der guten Arbeitsatmosphäre genau das Gegenteil bewirken kann: Sie könnte verschwinden.

 

Paul Watzlawick ist sich übrigens recht sicher, dass der Weg mehr Spaß macht als das Ziel. Er findet den Zustand des ständigen Weiterentwickelns, des Fortschreitens besser als den Moment der Ankunft, des Bescheidwissens, des Übersichtgewinnens. Sein Kapitel endet mit einer simplen rhetorischen Frage: „Warum, glauben Sie wohl, nannte Thomas More jene ferne Insel der Glückseligkeit Utopia, das heißt „Nirgendwo“?