„Was du lernst, gehört dir. Niemand kann es dir nehmen“

Vor sieben Jahren flüchtet Jackie, Mutter von vier Kindern, alleine von Uganda nach Deutschland. Sie lernt die Sprache, macht eine Ausbildung, erfährt Wertschätzung. Die Geschichte einer entschlossenen Frau und die Frage, wie man an einem fremden Ort ankommt

Jackie, 45, arbeitet seit kurzem als Krankenschwester in der Neurochirurgie eines großen Münchner Krankenhauses. „Gerade habe ich zwei dicke Bücher zu Hause liegen, eines zur Neurochirurgie und eines zur Inneren Medizin“, sagt Jackie an einem regnerischen Nachmittag in einem Café nahe des Münchner Hauptbahnhofs. Es gibt viel zu tun. „Ich will mich voll auf meinen neuen Job konzentrieren.“ In diesen ersten Sätzen liegt Entschlossenheit. Sie sagen viel über Jackie und die Art, wie sie ihr Leben führt.
Als sie vor sieben Jahren aus Uganda nach Deutschland flieht, lässt die Alleinerziehende vier Kinder zurück. Ein Schritt, der sich der Vorstellung entzieht. Doch es bleibt ihr nichts übrig: Jackie fürchtet die Regierung, die damals immer heftiger gegen Homosexuelle vorgeht. „Als ich ging, begannen sie gerade, Homosexuelle öffentlich festzunehmen.“ Jackie ist bisexuell und engagiert sich in jener Zeit gegen die regierende Partei. Sie hat also zwei Gründe für große Sorge. Jackie vertraut ihre Kinder einer Freundin an und verlässt Uganda. Nach der Ankunft in Deutschland stellt sie in Dortmund einen Antrag auf Asyl. „Von da an war ich alleine vor der Welt“, erinnert sich Jackie. Die ersten Nächte verbringt sie in einem Zimmer mit Frauen aus Nigeria, Senegal, China. „Es war die traurigste Phase meines Lebens“, sagt sie. „Ich kann mir heute nicht vorstellen, wie ich diese Tage überlebte.“ Wenige Tage nach der Ankunft drückt ihr ein Mitarbeiter der Erstaufnahme eine Zugfahrkarte in die Hand. Jackie fährt nach München, geht abermals in die Erstaufnahme und beginnt ein neues Leben.

1 Struktur tut gut
Jackie schreibt sich gleich nach Ankunft in der Münchner Erstaufnahme in einen Deutschkurs ein. Außerdem fängt sie an, in den Räumen der Inneren Mission zu putzen, ungeduldig steckt sie die ersten Orientierungspunkte in ihr Leben. Vom Geld, das sie fürs Putzen bekommt, finanziert sie einen Intensivkurs Deutsch im Kulturzentrum Gasteig. „Ich wollte unbedingt besseres Deutsch sprechen“, erinnert sich Jackie. Sie zieht in ein Heim der Caritas und bekommt schließlich eine Aufenthaltsgenehmigung. Eines Tages liegt ein weiterer Brief im Briefkasten: Sie darf eine Ausbildung zur Pflege- und Betreuungsassistentin für Geriatrie beginnen. Ihre Tage werden voller, weil sie immer vor Schulbeginn in einem Kaufhaus in der Münchner Innenstadt putzt. Das Leben geht im Takt dahin: 4.30 Uhr aufstehen, 6 bis 8 Uhr putzen, Unterricht von 9 bis 15 Uhr. Das meiste Geld aus dem 400 Euro-Job schickt Jackie nach Uganda.

2 Bleib dran
Trotz der intensiven Kurse geht Jackie das Deutsche nur schwer von den Lippen. „Es war immer noch so schlimm“, sie schüttelt den Kopf, „mein Gott war es schlecht.“ Jackie schließt die Ausbildung dennoch ab und bewirbt sich bei der Caritas. Sie bekommt einen Job und in der Arbeit platzt der Knoten. „Nach zwei Monaten sprach ich plötzlich Deutsch“, erinnert sie sich. Es ist dieser Moment, den viele beschreiben, die eine neue Sprache oder ein neues Instrument lernen. Erst ist die Lernkurve steil, dann aber geht eine zeitlang nichts weiter. Es ist wie verhext. Kopf und Körper scheinen sich zu zieren, geradezu zu wehren. Und dann gehen die Türen auf. Als hätten die Nerven noch Zeit gebraucht, alles vorzubereiten. „Plötzlich konnte ich mit den Patienten kommunizieren, richtig reden“, erinnert sich Jackie. „Vor allem aber konnte ich selbständig arbeiten.“ Die Frau aus Uganda macht sich bereit für den nächsten Schritt: Jackie sucht sich eine Altenpflegeschule und meldet sich an. 2013 beginnt sie ihre Ausbildung, 2016 schließt sie ab und wird von der Caritas als Pflegefachkraft übernommen.

3 Niemand kann dir dein Wissen nehmen 
Ein dreiviertel Jahr arbeitet Jackie als Altenpflegerin, zuletzt als stellvertretende Stationsleitung. Sie kündigt im Frühjahr. „Da war nichts neues mehr“, sagt sie zur Begründung. „Ich wollte mehr tun.“ Je länger man zuhört, desto erstaunlicher wird Jackies Geschichte. Sie wirkt mit ihrer Disziplin und ihrem Ehrgeiz seltsam deutsch. „Ich habe inzwischen viele Flüchtlinge getroffen und sage immer: Du musst die Sprache lernen. Das ist das Erste. Und dann musst du etwas für dich machen, etwas lernen. Niemand nimmt es dir.“ Jackie wiederholt den Satz mehrmals. „Niemand nimmt es dir! Niemand nimmt mir mein Pflegewissen, mein Schwesternwissen. Selbst wenn ich nach Uganda müsste, ich hätte es im Kopf. Es würde mir auf verschiedene Weisen helfen. Die Bildung hilft mir, anders aufs Leben zu schauen. Mach was für dich! Was du lernst, gehört dir. Niemand kann es dir nehmen. Eines Tages wirst du es brauchen.“

4 Ankommen ist, wenn du dich akzeptiert fühlst
Jackie kommt durch ihre Arbeit mehr und mehr in Deutschland an. Sie unterscheidet sich an der Stelle nur wenig von vielen Menschen, die in diesem Land geboren wurden und für die der wichtigste Anker in der Gesellschaft die tägliche Arbeit ist. „Ich bin mehr in der Arbeit als zu Hause“, sagt Jackie. Vor kurzem bezog sie eine Mitarbeiterwohnung der Klinik. „Zuhause bin ich alleine. Enge Bindungen habe ich nur in der Arbeit, zu Kollegen und Patienten. Dort fühle ich mich wohl.“ Jackie erinnert sich gern an die Caritas und ihre Arbeit in der Pflegeeinrichtung. „Die Caritas war meine Familie. Dort war ich ein glücklicher Mensch, weil mich soviele Menschen mochten. Erst vergangene Woche war ich zu Besuch dort und die Patienten fragten: Wo warst du?“ Jackie sagt den Patienten dann, dass sie im Urlaub gewesen sei. Die Wahrheit will sie ihnen nicht zumuten. „Viele weinen, wenn ich gehe. Das geschieht jetzt sogar manchmal im Krankenhaus, beim Schichtwechsel: Die Patienten weinen, wenn sie dich liebgewonnen haben.“ Immer wieder erlebt Jackie mit Patienten und Kollegen ein Gefühl der Zugehörigkeit. „Ankommen ist, wenn man sich akzeptiert fühlt.“

5 Vorsprechen nützt
Erst seit wenigen Wochen besitzt Jackie ein Papier, das Ruhe erzeugt: die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung. Sieben Jahre wurden ihre Aufenthaltstitel meist nur monats- oder zweimonatsweise verlängert. „Ich konnte nie wirklich planen, weil nichts sicher war“, sagt Jackie. „Ich habe keine Pläne gemacht und Tag für Tag gelebt.“ Jackie überlegt, was diese Unsicherheit mit einem Menschen macht. „Mich hat sie nie demotiviert. Ich habe mir irgendwann gesagt: Das stresst mich jetzt nicht mehr. Selbst in der unsichersten Zeit stand ich morgens auf und ging zur Arbeit.“ Sie folgte ihrem Rhythmus, ihrer Lebensstruktur. 
Für das letzte Jahr der Altenpflegeausbildung wünscht sich Jackie dennoch mehr Ruhe im Kopf, sie will sich venünftig auf die Prüfungen vorbereiten. Sie spricht beim Sachbearbeiter am Landratsamt vor, der über die Verlängerung des Aufenthalts entscheidet. Inständig bittet sie um sechs Monate Verlängerung. „Ich brauche meine Konzentration in der Schule“, sagt sie. „Glauben Sie mir, ich verschwinde nicht im Untergrund.“ Da lacht der Mann auf und gibt ihr acht Monate. Jackie lächelt auch, als sie sich daran erinnert. „Hätte ich nichts gesagt, er hätte mir nur zwei Monate gegeben.“ Jackie ist gut darin, um Hilfe zu fragen. Im Norden Ugandas gibt es dort Konflikte zwischen Stämmen und der Regierung. Von München aus hilft Jackie Menschen, die dort in Not geraten, die vertrieben werden. Sie organisiert via WhatsApp sogenannte Fundraising-Drives, das heißt sie sammelt Geld, das Menschen in Uganda zu Gute kommt. Von München aus lotst sie NGOs zu Hilfesuchenden oder umgekehrt. „Das mache ich dauernd neben der Arbeit“, sagt Jackie. „Ich bin zufriedener, wenn ich helfen kann. Ich nehme mein Telefon und kann schauen, welche Organisationen in Uganda arbeiten. Denen sage ich, wem sie helfen können. Wenn ich jemand erreichen will, schaffe ich das. Ganz egal wie.“

6 Life tones you down 
Es ist leicht, Jackies Geschichte als Erfolg zu verstehen. Als Ergebnis einer Rechnung, in der sich Fleiß, Disziplin und Geduld summieren. Jackie sagt, ihr sei keine Wahl geblieben. „Meine Schwester meint, ich hätte mich verändert. Ich glaube, ich bin toleranter und geduldiger geworden.“ Jackie erinnert sich an ihre Zeit in der Erstaufnahme, mit Raucherinnen und Trinkerinnen im selben Zimmer. Es gab nicht wirklich ein Entkommen. „Der Raum, das Bett, das war damals alles, was ich hatte. Ich hatte kein Haus, keinen Rückzugsraum, Ich musste jeden Tag arbeiten, egal wie gut ich geschlafen hatte. An ein Abschalten am Abend war nicht zu denken. Deshalb spazierte ich im Park oder saß an Bushaltestellen, nur um meine Ruhe zu haben. Auch im Winter machte ich lange, langsame Spaziergänge, hörte Musik, kam später nach Hause.“ Jackie überlegt. „Life tones you down“, sagt sie dann. „Das Leben dimmt dich herunter.“

7 Lücken müssen gefüllt werden
Jackie blickt in ihrer Arbeit in die deutsche Gesellschaft. „Viele Verwandte hier machen wenig für ihre pflegebedürftigen Eltern. In der Altenpflege füllen wir diese Lücke. Nehmen wir an, eine alte Dame hat eine Tochter, die vor zehn Jahren den Kontakt eingestellt hat – dann muss ich einen Weg finden, diese Lücke zu überbrücken. Ich sage dann: „Auch wenn Ihre Tochter nicht da ist, wir sind hier, wenn Sie etwas brauchen.“ Ich frage: „Soll ich sie anrufen? Soll ich ihr etwas mitteilen?“ Wir versuchen das Eis zwischen den Generationen zu brechen. Immer wieder, sagt Jackie, geht es um Schuld. Die Menschen im Alter werden von Schuldgefühlen geplagt. „Es ist nicht Ihr Fehler“, sagt sie dann zum Trost. „Und die Menschen in der Pflegeeinrichtung sind erleichtert, wenn dieses Schuldgefühl weg ist. Wenn sie wissen, dass es nicht sie sind, die an dieser Funkstille schuld sind.“

8 Gebete kühlen dich runter
Fragt man Jackie, wie sie selbst die Lücke zwischen sich und ihren Kindern, zwischen ihrem Leben in München und dem Leben in Uganda überbrückt, nennt sie zwei Freundinnen und eine Kollegin, die ihr besonders viel bedeuten. Sie spricht von Gebeten. „Gebete kühlen einen runter“, sagt Jackie. „Sie beruhigen. Man kann seine Hoffnung auf etwas legen, auf einen Menschen, auf einen Gott. Beten ändert das Denken.“ 

9 – Ziele helfen dir sehr
Jackie erinnert sich an die erste Zeit, an das Orientieren, stets diese Frage im Kopf: Was tu ich hier? Die Frage enthält das Dilemma des Neuanfangs. „Alles war fremd“, sagt Jackie. „Ich hatte keine Vorstellung davon, was ich machen will. Aber von dem Moment an, in dem ich mir vornahm, die Sprache zu lernen, hatte ich ein Ziel und eine Spur. Ich folgte der Spur und musste nach einem Kurs suchen; nach Arbeit und nach einer Ausbildung.“ Jackie war so konzentriert darauf, sich weiterzuentwickeln und ihren Kindern von Deutschland aus zu helfen, dass ihr die Zeit in der Altenpflege schon nach kurzer Zeit zu statisch vorkam. Hinzu kommt der Wunsch, etwas zu verändern. „Ich will in meiner Arbeit sehen, was ich verändere“, sagt Jackie. „Ich will etwas besser machen.“ Immer neu treibt sie sich an und formuliert Ziele. „Wenn ich keine Ziele habe, dann habe ich nicht mal einen Grund, um die nächste Straßenecke zu gehen“, sagt Jackie. Sie hatte zwei Ziele, die ihr halfen, Struktur und Spuren in den Tag zu legen. „Erst wollte ich in Sicherheit sein. Dann wollte ich von hier meine Kinder versorgen. Sie müssen essen, schlafen, lernen, sie brauchen Medizin.“ Jackie überlegt. „Ich gebe ihnen heute fast alles, was ich verdiene. Ich behalte nur Geld für Miete, Busticket und Essen.“

10 – Selbständigkeit kann dich motivieren
„Jeder Tag ist besser“, sagt Jackie. „Jeder Tag. Ich bin jetzt die dritte Woche im Krankenhaus. Schon nach der ersten Woche konnte ich allein arbeiten. Es ist schön, selbständig zu sein. Es gibt mir Motivation für den nächsten Tag. Je besser und selbständiger ich werde, desto besser wird mein Leben. Irgendwann wird es so gut sein, dass ich meine Kinder wiedersehen kann.“