„Im Wald verschwand die Sinnfrage“ 

Der studierte Forstwissenschaftler und Ökophysiologe Henrik Hartmann, 49, leitet eine Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. Vorher lebte er in Kanada im Wald. „Irgendwo im Nirgendwo“, so sagt er. Wie hat ihn die Zeit verändert?

Herr Hartmann, woran arbeiten Sie gerade? 

Ich bin Wissenschaftler bei der Max-Planck-Gesellschaft und untersuche, was mit Pflanzen unter Stress geschieht. Weltweit gibt es viele Waldgebiete, die gerade in Folge von Dürre- und Hitzestress sterben. In Versuchen beobachte ich, was das mit den Bäumen macht, wie sie mit Dürre umgehen. Besonders viel wissen wir nicht über die Wälder der Welt. Deshalb arbeite ich mit Kollegen an einem weltweiten Monitoringsystem – es ist eine Schande, dass wir scheinbar mehr über die Oberfläche des Mondes wissen als über unsere eigenen Wälder.

War Ihr Weg in den Forst vorgezeichnet?

Geplant hatte ich das nie. Das hätte ich mal tun sollen, dann wäre ich jetzt schon Professor an der Uni! Ich zog nach der Bundeswehr Ende der Achtziger Jahre von Hessen nach Berlin, direkt in die Zeit des Mauerfalls. Eine schöne aber auch anarchische Phase. Nach einigen Jahren wurde ich der Stadt überdrüssig und reiste mit meinem Seesack auf der Schulter nach Kanada. Dort habe ich mich festgesetzt und eine Kanadierin geheiratet.

In Ihrem Lebenslauf schreiben Sie, dass Sie mehrere Jahre abseits der Zivilisation lebten. Wie kann ich mir das vorstellen?

Meine Frau und ich kauften ein 45 Hektar großes, spottbilliges Grundstück mit Ackerland und vor allem Wald. Eine Fläche irgendwo im Nirgendwo, außerhalb eines Dorfes, darauf ein Haus und tiefer im Wald eine Hütte.

Wo befindet sich das Grundstück?

Wenn man von Montreal aus nach Nordosten fährt kommt man in den Bundesstaat Neubraunschweig und landet irgendwann in Auclair. Niemandsland. Wenn Sie hinter unserem Haus Richtung Osten loslaufen, gehen Sie 350 Kilometer durch Wald.

Für deutsche Verhältnisse ist das

… ziemlich verlassen. Wir hatten dort weder Strom noch Wasser. Soja, Möhren und Kartoffeln holte ich vom Bauern, aus dem Soja machte ich Tofu. Wir haben mit sehr wenig vom einen zum anderen Tag gelebt. All unser Brennholz haben wir selbst gemacht und im Winter ständig geheizt. Unser Brot haben wir selbst gebacken. Wasser haben wir von draußen reingeholt, dann das Schmutzwasser wieder rausgetragen. So gingen die Tage dahin. Bis meine Frau schwanger wurde und meine Tochter zur Welt kam. Das war ein Schlüsselerlebnis.

Inwiefern?

Meine Frau wollte unbedingt zu Hause entbinden, organisierte aber keine Hebamme. Die Hebamme war dann ich.

Wirklich? 

Es war eine wertvolle Erfahrung, die ich jedoch nicht noch einmal machen möchte. Das Kind war gesund, nur der Mutter ging es nicht gut. Sie wurde für lange Zeit depressiv. Es entstanden Konflikte, auch zwischen ihr und dem Baby. Das Stillen klappte nicht, sie wollte unbedingt, vergeblich. Eines morgens bemerkte ich, dass meine Tochter immer schwächer wurde und dachte: Jetzt muss was passieren! Eine Bekannte hatte zu dem Zeitpunkt auch ein Baby. Ich holte sie und sie stillte meine Tochter. Das war für meine Frau, die ohnehin nicht in bester Verfassung war, ein Vertrauensbruch. Von da an ging es auch mit der Beziehung bergab. Ein Jahr nach der Geburt trennten wir uns.

Wie haben Sie weitergemacht? 

Meine Frau hätte am liebsten genau so weitergelebt, jeden Tag von der Hand in den Mund, Brotbacken, Regenwassersammeln, Schmutzwasser raustragen. Aber ich wünschte mir zumindest ein Stück weit wieder so etwas wie eine Identität zurück.

Geht die bei einer solchen Lebensweise verloren? 

Ja. Meine Frau verstand den Wunsch nicht, was die Trennung nur beschleunigte. Ich begann, für einen Betrieb zu arbeiten, der Zubehör zur Gewinnung von Ahornsirup herstellt. Wir lieferten Pumpen und Schläuche, mit denen die Waldbauern die Bäume beernten. So kam ich erst zum Forst und wurde dann Waldarbeiter. Eines Tages wachte ich mit einem dicken Knie auf und konnte weder laufen noch arbeiten. Ich wurde arbeitslos, bekam aber die Chance auf eine Weiterbildung und besuchte einen Französischkurs an einer Erwachsenenschule. Im selben Gebäude gab es eine Forstschule, in der ich bald eine Ausbildung zum Forstwirt begann. Eine tolle Zeit. Jeden Tag tauchten für mich neue Fragen auf: Wie funktioniert ein Baum? Warum wachsen hier mehr Exemplare einer Art als dort? Ich löcherte meine Berufsschullehrer, die mich schließlich entnervt zum Forststudium an die Universität von Edmunston schickten.

Wie alt waren Sie damals? 

Nach dem Studium war ich 35 Jahre. Nicht mehr besonders jung.

In einem Industrieland wie Deutschland wird der Rückzug in die Natur noch immer verklärt. Was glauben Sie: Wünschen wir uns zurecht ein einfaches Leben im Wald?

Gleich den ersten kanadischen Winter habe ich in einer kleinen Hütte im Wald verbracht. Es gab keinen Strom, im Winter fiel die Temperatur auf unter minus 40 Grad Celsius. Diese Periode hat mich geprägt. Ich hatte soviel Zeit, dass ich irgendwann ein Kinderbuch schrieb. Und ich habe Briefe geschrieben, viele Briefe.

Schön!

Aber selbst wenn man die Hütte abends ordentlich heizte, war das Wasser in der Schüssel am nächsten Morgen gefroren. Ich stand auf, ging zum Bach und schlug mit dem Hammer das Eis weg und holte neues Wasser. Die Kulisse war natürlich wunderschön: Kalte, klare Luft, die Sonne kommt raus, die Eiskristalle glitzern, ein nettes Plätzchen, umgeben von Wald. Dort fühlt man sich dem eigentlichen Sinn des Lebens wesentlich näher.

Wie meinen Sie das? 

Ich machte, wozu man auf die Welt kommt: Ich ernährte mich und lebte. Ich führte ein ursprüngliches Leben. In meiner Kindheit verbrachte ich die Ferien auf dem Bauernhof meines Onkels. Was mir dort aus heutiger Sicht am meisten gegeben hat, war das Wegfallen der Sinnfrage: Morgens wachten wir auf und fütterten Schweine und Hühner, erst dann frühstückten wir. Das war ein natürlicher Ablauf. Erst die Tiere, dann wir, ich fühlte mich in diesen Abläufen gut. Im Wald in Kanada war das ähnlich. Das war nicht produktiv, aber natürlich. Ich kam aus der Industriegesellschaft Deutschland, in der alles immer da ist, in der es nie irgendwelche Versorgungsengpässe gibt. Wenn man Hunger hat, geht man in den Laden. Wenn es kalt ist, dreht man am Heizungsknopf und es wird warm. Es gibt keine wirklichen Bedürfnisse mehr. In Kanada erfuhr ich das Gegenteil. Im Wald war ich mir und meinem eigentlichen Dasein näher.

Wie blicken Sie von Jena aus auf Ihre Jahre in Kanada?

Klar frage ich mich manchmal: Hätte ich damals schneller gemacht, hätte ich heute eine Professur. Vergangene Woche zum Beispiel war ich bei meiner Tochter an der Schule, ein Grillabend für die Austauschschüler aus China. Ich kam mit dem Papa einer anderen Schülerin ins Gespräch, ein Bankberater im schicken Anzug, ich kam in T-Shirt und Flipflops. Ich erzählte ihm von der Wissenschaft und von Kanada, als er sagte: „Das ist ja mal was ganz anderes! Das muss ja richtig gut tun, sowas zu machen.“ Ich fragte: „Wie denn das?“ Er sagte: „Ich mit meinem schnöden Geld! Wenn ich morgen nicht mehr da bin, dann setzen die einen anderen Kaufmann da hin und dann war es das und niemand spricht mehr über mich.“

Der Mann redet nicht um den heißen Brei. 

Das sind die kleinen Momente, in denen ich spüre, dass alles doch irgendwie gut ist.

Wie sehr beeinflusst die Zeit in Kanada Ihr Leben?

Das Haus und das Grundstück gehören mir noch heute. Im Juli war ich mit meiner Familie wieder dort. Wir haben alles renoviert, damit man es vermieten kann. Ich erinnere mich an den letzten Abend. Das Haus liegt auf einem Hügel und ich beobachtete den Sonnenuntergang. Da überkam es mich, ich dachte: Du hast hier soviel erlebt und soviel geschaffen, du hast den Wald durchforstet und aufgeforstet. Aus den Setzlingen von damals sind Stämme geworden. Sinnbildlich habe ich das, was dem Banker fehlt: Ich bin da gewesen, ich habe Spuren hinterlassen.

Wie lange lebten Sie in Kanada?

Von 1992 bis 2009.

Ist das Land Heimat? 

Bei dem Wort schwingt mir zuviel Übersinnliches mit. Heimat ist für mich eine Form von Zugehörigkeit, die ich nur im Blick auf soziale Bindungen und auf mein Stück Wald habe. Manche Sommer habe ich dort allein in einem Camp im Wald gelebt.

Wie meinen Sie das? 

Ich habe eine Plane über ein paar Stöcke gespannt und draußen gelebt.

Warum?

Ich wollte der Natur näher kommen. So ist mein eigenes Heimatgefühl entstanden. Und natürlich ist jede Ecke meines Grundstücks mit einer Erfahrung verknüpft. Hier habe ich Äpfel geerntet, dort hat der Bär den Apfelbaum kaputt gemacht, da drüben habe ich die Birke geschlagen und Feuerholz gemacht. Ach, und dort habe ich einen Baum gefällt und dabei eine Patrone von einem Jagdgewehr, die im Stamm eingewachsen war, mit der Kettensäge durchschnitten. Diese Erinnerungen erzeugen ein Heimatgefühl.

Wie bringen Sie diese beiden verschiedenen Leben zusammen – die Einsiedelei in Kanada und die Forschung in Jena? Ist es Ihnen überhaupt wichtig, das zusammenzudenken?

Für mich ist das ein Werdegang, das eine gehört zum anderen. Ich habe den Wald auf eine Art kennengelernt, irgendwann wollte ich ihn auf eine andere Art verstehen.

Beschäftigt Sie der Gedanke an Karriere? 

Aber natürlich. Ich folge den gesellschaftlichen Zwängen, man vergleicht sich doch immer wieder mit seinem Umfeld. Wenn ich mir Leute anschaue, die nicht, wie ich, diese Extraschlaufen gedreht haben, die heute in Amt und Würden sind …

Aber in der Wissenschaft gibt es tüchtig Wettbewerb. 

Und der kann sehr fies sein. Die Wissenschaft ist ebenfalls ein Haifischbecken, auch wenn viele der Haie sich als freundliche Kollegen darstellen. Das kann man nicht anders sagen. Wissenschaftler ist ein Traumberuf mit dürftigen Bedingungen. Erst spät entstehen dauerhafte Perspektiven. Es sei denn, man gehört zu diesen wissenschaftlichen Karrieremenschen, zu den Shootingstars der Disziplin, die es schaffen, ihre Arbeiten in angesehenen Journals zu veröffentlichen, auch wenn die Daten nicht immer gut sind. Heute erst habe ich mit einem Kollegen über ein Manuskript eines solchen Shootingstars gesprochen: Wir sahen beide, wie schlecht es ist. Aber es ist gut verkauft und wird in einem sehr guten Journal veröffentlicht.

Verkaufen Sie gern? 

Das ist von Natur aus nicht mein Ding. Und trotzdem musste ich lernen, dass auch Wissenschaft ein Business ist: Du musst deinen Salat verkaufen. Du musst unter die Menge gehen, damit man dich kennenlernt.

Sind Sie in Kanada Bären begegnet? 

Narürlich! Im Osten Kanadas haben wir Schwarzbären. Da passiert aber nur was, wenn die sich bedroht fühlen. Bei der Waldarbeit hatten wir immer Glöckchen an unseren Försterwesten, damit die Tiere wissen, dass da was Unnatürliches kommt. Schwarzbären sind schüchtern und manchmal leider lästig. Wir hatten in unserem Wald zum Beispiel viele Apfelbäume. Die Bären sind bis aufs letzte kleine Ästchen hochgeklettert, um die Äpfel zu pflücken. Dabei haben sie die meisten Bäume ruiniert. So ein dicker Bär auf nem kleinen Ast – das geht nicht gut.

Hat die Zeit ihre Sicht auf Vergänglichkeit verändert? 

Einer unserer Nachbarn, ein alter Mann, hatte die meisten Grundstücke im Dorf, er war eine bekannte Größe. Dann kam die industrielle Landwirtschaft und er konnte nicht mehr mithalten. Jahr um Jahr wurde sein Betrieb kleiner, er gab immer mehr Kühe ab. Seine Frau starb, schließlich er selbst. Diese Erfahrung hat mich beeindruckt: Dass in einem sozioökonomischen Gefüge nichts von Dauer ist. Selbst die Landwirtschaft, ein Schwerpunkt der Gegend seit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren, hat an Stellenwert verloren. Sein Tod war auf mehreren Ebenen ein Schlüsselerlebnis.

Darf ich fragen, was aus Ihrer ersten Frau und Ihrer Tochter wurde? 

Mit meiner ersten Frau habe ich wenig Kontakt und das ist auch gut so. Nach der Trennung ging es mit Anwälten um das Sorgerecht. Erst lag es bei mir, dann kämpfte sie mit allen Mitteln, ich zog den Kürzeren. Dennoch habe ich mit meiner Tochter ein gutes Verhältnis. Sie ist 22 Jahre alt. Vergangenen Winter war sie ein halbes Jahr bei uns in Jena. Als wäre sie immer Teil der Familie gewesen.

Die vermutlich lebendigste Erinnerung an diese Zeit in Kanada? 

Sehr lebendig!