Gemischt ist klüger

Die 43jährige Obi Felten arbeitet bei einer Schwesterfirma von Google an den großen Problemen der Welt. Sie sagt: Je bunter dein Team, desto besser das Ergebnis

Es gibt in den USA ein Schwesterunternehmen von Google mit dem kurzen Namen „X“. Nur ein Buchstabe, sonst nix. In dem kalifornischen Innovationslabor versuchen sich Entwickler und Ingenieure an sogenannten Moonshot-Projekten. Sie versuchen Lösungen für Probleme zu finden, die Milliarden von Menschen betreffen. „Dann schlagen wir eine radikale Lösung vor, die sich zwar heute anfühlt wie Science-Fiction, die man mit modernster Technologie aber in fünf bis zehn Jahren umsetzen könnte“, sagt Obi Felten, 43 Jahre. Die Deutsche entscheidet bei „X“, welche Projekte realisiert werden und welche nicht. Viele Jahre schon arbeiten die Ingenieure bei „X“ zum Beispiel am selbstfahrenden Auto. „Immer noch sterben weltweit jedes Jahr 1,25 Millionen Menschen im Straßenverkehr“, sagt Obi Felten, als wir uns vor kurzem in Berlin zum Gespräch treffen. „94 Prozent aller Unfälle verursachen Menschen, die Technik versagt fast nie. Die radikale Lösung: Das Auto fährt allein.“ Ein anderes Projekt heißt „Loon“. Geht es nach Ingenieuren von „X“, dann könnten künftig sehr viele Ballons mit Sendern und Empfängern in der Stratosphäre kreisen und auch die entlegensten Ecken der Welt mit Internet versorgen. Und dann war da die Sache mit den Defibrillatoren. „In einem der ersten X-Projekte ging es um Drohnen, die Defibrillatoren schneller zu Patienten bringen sollten als ein Rettungswagen“, erinnert sich Obi Felten. „Die Ingenieure entwickelten die Drohne. Irgendwann machten wir ein Experiment und fanden heraus: Die Menschen brauchten im Schnitt sechs Minuten, um zu verstehen, wie man den Defibrillator bedient. In dieser Zeit ist der Krankenwagen schon da. Im Team entwickelte sich eine lange Diskussion über den Sinn unserer Entwicklung.“ Und diese Diskussion über den Sinn einer Entwicklung veränderte die Arbeit bei „X“. In den ersten Jahren hatten die Ingenieure bei „X“ alle Freiheit der Welt. Sie entwickelten munter entlang ihrer Ideen. Obi Felten kam hinzu, um die Moonshots mit der Wirklichkeit abzugleichen. Sie sollte die Arbeit von „X“ beschleunigen und verbessern. „Head of getting Moonshots ready for contact with the real world“ steht heute auf ihrer Visitenkarte. Obi Felten ist dazu da, die Perspektiven zu verändern. Sie initiiert Diskussionen. „Die Ingenieure allein wären nie auf die Idee gekommen, das Projekt infrage zu stellen. Erst durch die Außensicht veränderte sich die Diskussion. Deswegen ist Diversität so wichtig, auch beruflich. Technologiefirmen brauchen dringend Mitarbeiter, die keine Programmierer oder Ingenieure sind.“ Heute gehört Obi Felten zu den großen Fans gemischter Teams. „Bei uns arbeiten inzwischen Menschen aus 126 Nationen mit völlig verschiedenen Hintergründen. Im Loon-Team haben wir eine Näherin, die unheimlich viel über die Eigenschaften von Stoffen weiß. Wir haben eine ehemalige Feuerwehrfrau, eine gelernte Konzertpianistin oder eine Antiterrorismus-Expertin. Diese Breite hilft uns, weil verschiedene Perspektiven um den Tisch sitzen.“ Obi Felten engagiert bewusst Frauen. Sie fehlen, sagt sie, gerade in der Technologientwicklung. Jüngeren Mitarbeiterinnen gibt sie deshalb einen ganz bestimmten Rat: Du musst nicht alles wissen. „Männer bewerben sich oft auf Stellen, obwohl sie nur 50 Prozent der geforderten Qualifikationen haben“, sagt Obi Felten. „Frauen bewerben sich meist erst, wenn sie 100 Prozent haben.“ Obi Felten schüttelt den Kopf. „Diesen Frauen sage ich: Du kannst dich bewerben, auch wenn du nur 50 Prozent der geforderten Fähigkeiten hast.“