Zehnjahresplan für ein bemerkenswertes Leben

Was es mit einem macht, wenn man sich in allen Details den besten Tag der Welt vorstellt: Ein Schreibexperiment mit erstaunlicher Wirkung

Am Montag habe ich ein Interview mit Debbie Millman gehört. Sie ist eine sehr bekannte Grafikerin in den USA. Einer ihrer Lehrer gab ihr einst eine Aufgabe. Er sagte: Stell dir einen Tag in fünf Jahren vor, an dem alles so ist, wie du es dir vorstellst. Nimm ein Blatt Papier und einen Stift. Beschreib alles, wirklich alles:

Wann wachst du an diesem Tag auf? Neben wem wachst du auf? An welchem Ort wachst du auf? In einem Haus oder einer Wohnung? Wie sieht deine Bettdecke aus? Wie ist das Licht? Wie sind die Zimmer eingerichtet? Wohnst du allein, zu zweit, Familie? Sind da andere Leute? Was gibt es an diesem Tag, an dem alles so ist, wie du es dir wünschst zum Frühstück? Was nimmst du dir für diesen Tag vor? Was willst du kochen oder essen? An was arbeitest du? Wo arbeitest du? Verlässt du für die Arbeit das Haus? Hast du ein Auto? Ein Fahrrad? Wen triffst du? Was liest du in den freien Stunden? Hast du ein Haustier? Wie ist deine Stimmung? Wie steht es um deine Gesundheit? Welchen Urlaub planst du? Wie ist dein Verhältnis zu deinen Freunden und Verwandten? Das Telefon klingelt – wer soll dran sein? Mit welcher Nachricht? Welche Post soll an diesem Tag im Briefkasten stecken? Wie bist du angezogen? Wie siehst du aus? Was strahlst du an diesem Tag aus? Was machst du an diesem Tag in deiner freien Zeit? Was geschieht abends? Wann gehst du ins Bett?

Einige dieser Fragen sind von Debbie Millman, einige habe ich hinzugefügt. Man kann noch viel detaillierter werden und noch mehr Fragen und noch mehr Beschreibungen entwickeln. Die Übung erinnert manche sofort an die Wunderfrage, eine Übung aus der Psychotherapie. Der Therapeut sagt: „Über Nacht geschieht ein Wunder. Alles in Ihrem Leben wird so, wie Sie es sich wünschen. Beschreiben Sie dieses Leben!“ Der Effekt der Übung ist erstaunlich. Für gewöhnlich hält uns niemand an, in aller Ausdrücklichkeit genau das Leben zu formulieren, das wir uns wirklich wünschen, von dem wir tief in unserem Herzen träumen. Meistens schleifen wir jeden Traum sofort an der Wirklichkeit, an unserem Wissen von dem, was gerade eben nicht möglich ist. Für diese Übung aber soll man gnadenlos alle Bedenken zur Seite kehren. Vollgas das aufschreiben, was sein soll, in jedem Detail, vollkommen egal, wie wahrscheinlich es gerade ist. Psychologen und Coaches schätzen die Übung. Ich kann mir vorstellen, weshalb. Wer auch das kleinste Detail seines Wunschtages beschreibt, der hat plötzlich Anhaltspunkte dafür, was man tun kann, um diesen Tag zu verwirklichen. Jeder kann schon morgen das Buch kaufen, das er an seinem Wundertag lesen möchte. Oder die entsprechende Bettdecke besorgen. Oder für das Gericht einkaufen, das er kochen möchte.

Debbie Millman unterrichtet seit einiger Zeit selbst und gibt ihren Studenten dieselbe Aufgabe, die ihr einst ihr Lehrer gab. Sie hat den Horizont ein bisschen erweitert, auf zehn Jahre. Sie spricht dann vom „Zehnjahresplan für ein bemerkenswertes Leben“. Die Beschreibungen, die sie zurückbekomme, gehörten zum Schönsten, das sie in ihrem Leben lesen darf. Mal sind es zwei, mal sind es 20 Seiten. „Die Seiten sind voller Hoffnung, voller Optimismus, voller Güte“, sagt Debbie Millman. Die Notizen geben ihr, so sagt sie, den Glauben zurück, dass die Menschheit zu retten ist. Die detaillierte Skizze der Zukunft scheint etwas auszulösen. Wer seinen perfekten Tag aufschreibt, der sieht plötzlich Ideen dazu, wie sich dieser Tag verwirklichen lässt. Debbie Millman bekommt Briefe und Mails von Studenten, die vor zehn Jahren diese Übung in ihrem Kurs machten. „Es ist unglaublich“, steht manchmal darin. „Es wurde wahr!“ Debbie Millman ging es nicht anders. Damals schrieb Sie auf Geheiß ihres Lehrers Ihre Zukunft aufs Papier. Jedes Jahr nahm sie die Seiten zur Hand und las darin. Der Text entfaltete seine suggestive Wirkung. „Es ist wie Magie“, sagt sie. „Alles wurde wahr.“