Die Wahrheit beginnt zu zweit

Es gibt Orte, an denen verdichtet sich die Welt. Die Büros der Mitarbeiter der Telefonseelsorgen in Deutschland sind solche Orte. Der Diplom-Theologe Christian Braun arbeitet bei der Katholischen Telefonseelsorge München. Er sitzt selbst am Telefon und am Chat und bildet zudem die Ehrenamtlichen aus. Er sagt: Viele Menschen verstehen die Welt nicht mehr. Deshalb hört er ihnen zu.

Herr Braun, wie geht es den Menschen, die sich bei Ihnen melden?

Unsere Zeit, eine globalisierte Welt, geht mit einem bestimmten Gefühl einher: Ich verstehe die Welt nicht mehr. Diese Welt wirkt so groß und komplex, dass sie nicht mehr gestaltbar scheint. In der täglichen Kommunikation offline und online zerfließen die Grenzen zwischen Innen und Aussen. Das Innen geht verloren. Zusätzlich erodieren die Sinn- und Wertesäulen.

Die Menschen verlieren das Interesse an den Religionen. 

Das allein ist es gar nicht. Es werden falsche Werte in den Vordergrund gerückt. Konsum zum Beispiel. Oder der unglückliche Vergleich mit anderen: Was hat der Nachbar, was habe ich? Wir erleben eine Verängstigung, in der Wesentliches aus dem Blick gerät. Ein Gefühl von „Ich schaff das nicht mehr, ich werde nicht mehr fertig“ setzt sich durch. In der Sorge um sich selbst geht den Menschen die Achtsamkeit für sich selbst und die anderen verloren.

Was genau meinen Sie damit?

Es gibt eine realistische und freundliche Weise, mit Stress, Schmerz und Konflikten umzugehen:  Sich selbst wahrnehmen, spüren was ist, sich ernstnehmen und eigene Grenzen erkennen. Wenn der Mensch dies nicht tut, gerät er in eine Spirale des Nicht-mehr-Spürens. Vor allem Männer sind gefährdet.

Inwiefern?

Sie vernachlässigen nach unserer Erfahrung noch viel mehr, wie es ihnen geht. Deshalb verändern sich auch Partnerschaften: Plötzlich verlagert sich der Stress in die Beziehung und Streitigkeiten mit dem Partner dienen nur der emotionalen Entlastung.

Das Leben stresst und wir tragen diesen Ärger in die Beziehung?

Im Streit entlasten wir uns, aber wir lösen die eigenen Probleme nicht wirklich.

Sie bieten nicht nur telefonische Seelsorge sondern auch Chats an. Wie unterscheidet sich der Austausch?

Die Digital Natives chatten lieber. Sie sind mit dem Medium aufgewachsen. Manche finden nur schwer in die Erwachsenenwelt. Sie sprechen mit uns über Suizidgedanken, Selbstverletzung, Missbrauch, sexualisierte Gewalt, Traumatisierungen. Im Chat lässt sich das leichter ausdrücken als am Telefon.

Die Telefonseelsorge wurde 1962 gegründet, Sie selbst sind seit 1987 dabei. Wie haben sich Bedürfnisse der Anrufer verändert? 

Die Anzahl der psychisch Erkrankten, die sich melden, hat stark zugenommen und Menschen, die in unserer entgrenzten Welt Lebensorientierung und Sinn suchen.

Das heißt?

Depression, Angst und Panik sowie enttäuschte Erwartungen an das Leben sind häufige Themen.

Sie können am Telefon keine psychiatrische Ambulanz ersetzen. Wie gehen Sie mit solchen Anliegen um? 

Die Telefonseelsorge versteht sich als Einrichtung im psychosozialen Verbund. Wir sind der einzige Dienst, der rund um die Uhr zur Verfügung steht. Es gibt Kliniken, ambulante Einrichtungen und Therapeuten, die den Menschen raten, sich abends und nachts, wenn sie selbst geschlossen haben, mit ihren Problemen an die Telefonseelsorge zu wenden. Wir sind immer erreichbar. Viele Anrufer haben sich zurückgezogen und nehmen nicht mehr am sozialen Leben teil. Abends und nachts macht sich dieses fehlende soziale Netz besonders bemerkbar.

Sie bilden neue ehrenamtliche Mitarbeiter der Telefonseelsorge aus. Was bringen Sie den künftigen Kollegen bei? 

Die Ehrenamtlichen werden ein Jahr lang vorbereitet. Wir schulen, wie ein guter Kontakt zu Menschen aufgebaut wird, die mit sich selbst und anderen Menschen Schwierigkeiten haben. Wir schulen Krisenintervention und Suizidprävention, um sehr verzweifelten Menschen Brücken ins Leben zu bauen. Wir schulen wirkliches Zuhören: zu erfassen, worum es wirklich geht. Das ist eine große Kunst und eine Herzensangelegenheit!

Inwiefern?

Wie widme ich mich einem anderen Menschen mit einem offenen Ohr? Wie fülle ich mein Sprechen mit den Inhalten, die ich gehört habe?

Wie mache ich das?

Indem Sie die Rollen des Sprechers und des Zuhörers trennen und den Gesprächsablauf verlangsamen. Versuchen Sie es mal: Es ist gar nicht so leicht zuzuhören, ohne den anderen zu früh zu unterbrechen.

Hört sich so an, als würden die Ehrenamtlichen bei Ihnen fürs Leben lernen. 

Viele sind dankbar und froh über den Zugewinn an Wissen, Erkenntnis über sich selbst und über die verbesserte Kommunikation. Sie erleben zu Hause unglaubliche Wirkungen mit intensiveren und konstruktiveren Gesprächen.

Sagen Sie mir eines der Handwerkszeuge. 

Anrufende sollen lernen „Ich“ zu sagen, um sich tiefer zu erfahren. Dafür sind TelefonSeelsorger/innen ein Modell. In ein hilfreiches Gespräch kommen wir nur mit Ich-Botschaften – zum Beispiel bei Beziehungsschwierigkeiten: „Hier stehe ich mit meinen Wünschen und Erwartungen, Ängsten und Befürchtungen bezogen auf dich. Sag Du mir, wie du zu mir stehst? Aber sag es bitte in Ich-Botschaften.“

Was habe ich davon, wenn ich das „Du“ vermeide? 

Das „Du“ wirkt sehr oft anklagend. Wenn ich von mir selbst spreche, dann rede ich ehrlicher. Dann verschwinden Vorwürfe und Anklagen aus dem Gespräch. Wenn jeder von sich spricht, dann werden die Wünsche des Einzelnen klarer sichtbar; dann entsteht zwischen zwei Menschen eine tiefere Einsicht über Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Das beschreibt den Kern von sozialer Verantwortung: Wenn wir in Ich-Botschaften sprechen, erkennen wir, was wir selbst brauchen und hören, was andere brauchen. So lernen wir maßvolles Leben.

Sie beschreiben, dass Sie die Sprecher- und Zuhörerrolle deutlich trennen. Was bewirkt es, wenn wir besser zuhören? 

Gehörtwerden ist ein psychosoziales Grundbedürfnis und ein wesentliches Motiv für Beziehungen.

Ich suche mir einen Partner, damit ich ihm erzählen kann? 

Wir haben auch ein basales Grundbedürfnis nach emotionaler Offenheit und körperlicher Nähe. Dieses Bedürfnis wird in Beziehungen immer wieder neu zum Ausdruck gebracht durch Äußerungen wie beispielsweise: „Sag mir, dass ich da sein darf, dass ich die/der Richtige bin! Schau mich an und höre mir bitte zu! – Ich höre Dir gerne zu! Du bist der/die Richtige an meiner Seite! Ich bin gern mit Dir zusammen! Gib mir doch bitte ein Signal, dass es schön ist, dass ich da bin.“

Verstehe. Deshalb funktioniert Trost vor allem durch Zuhören, oder?

Zuhören ist die Bedingung für Trost und Ermutigung. Trost ist da sein, präsent sein, aufmerksam sein.

Wie lernen Ihre Mitarbeiter gutes Zuhören? 

Die Lebensstile, von denen uns die Anrufenden erzählen, sind in aller Regel anders als unsere persönlichen Lebensstile. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wo wir in unserem Leben stehen. Die zukünftigen Ehrenamtlichen öffnen sich im Rahmen der Ausbildung und betrachten die fünf Säulen ihrer Identität. Da ist die Säule der Leiblichkeit, da sind die sozialen Beziehungen, die materielle Sicherheit, die Leistungs- und Arbeitssäule und die Sinn- und Wertesäule. Wir betrachten diese Säulen und gehen in die Tiefe: Welche Ressourcen habe ich für die Arbeit in der Telefonseelsorge? Von welchen Lebensadern werde ich gespeist? Welche Baustellen gibt es in meinem Leben? Wo sind meine Grenzen? Welche Stolpersteine gibt es, die in einem Gespräch unerwünschte Wirkung erzeugen könnten? Wir wollen vermeiden, dass der Ehrenamtliche bei der Telefonseelsorge im anderen sein eigenes Thema bearbeitet.

Ich gehe also erstmal in eine Minitherapie, ehe ich bei Ihnen den Hörer abnehmen darf. 

Therapie im engeren Sinn ist das nicht. Eher ein Lernen in der Gruppe, einfühlsamer und reflektierter mit sich selbst und anderen Menschen umzugehen.

Wie verläuft ein klassisches Telefonat?

Wir nehmen das Anliegen des anrufenden Menschen in den Blick und werden dafür empfänglich,  geben diesem möglichst unverstellt Raum sich tiefer zu erfahren. Sucht die Person nur jemanden, der zuhört? Ist sie/er in einer Krise und hat Suizidgedanken? Je nach Anliegen gestaltet sich der Gesprächsverlauf und die Zielsetzung anders. Wir nehmen im Sinne der „Hilfe zur Selbsthilfe“ keine Arbeit ab. Wir versuchen vielmehr gemeinsam die nächsten Schritte zu erarbeiten.

Wann ist ein Gespräch gelungen?

Wenn die anrufende Person am Ende den nächsten Schritt formulieren kann – zum Beispiel: „Wenn ich das Gespräch mit TelefonSeelsorge beendet habe, dann werde ich mit meinen Partner das Gespräch suchen und ihm meine Erwartungen an ihn mitteilen.“ Oft geht es um Kränkungen, Scham und Schuld. Allein die Kränkung anzusprechen wirkt emotional entlastend. Wir beraten mit Ressourcenorientierung.

Den Begriff kenne ich. Aber was bedeutet er genau? 

Wir erkunden mit den Anrufern, welche eigenen Energiequellen sie in sich haben und welche Unterstützungssysteme sie nutzen können, um den nächsten Lösungsschritt tun zu können. Wie könnte ein nächster Schritt aussehen? Sie müssen wissen: Das psychosoziale Versorgungssystem ist wie eine Zwiebel aufgebaut. Wir sind ganz außen und verweisen nach innen, zum Beispiel an die Ehe- und Familien- und Lebensberatung, die mit Spezialisten Partnerschaftskonflikte regelt. Abhängigkeitserkrankte verweisen wir an die Suchtberatung. Ältere Menschen in Einsamkeit regen wir an, ein Altenservicezentrum aufzusuchen. Wir beraten ins größere Leben hinein.

Das heißt?

Wir zeigen den Menschen den Weg in die Gemeinschaft. Jeder von uns ist für sich selbst nur im Besitz einer subjektiven Wahrheit. Diese Wahrheit hat ihre Wurzeln im Gewordensein. Erst wenn wir mit anderen reden, anderen zuhören, beginnen wir, unsere Ansichten und Positionen abzugleichen, einzuordnen und neu zu schätzen. Die Wahrheit beginnt erst zu zweit.

Ein großer Satz.

Wir erleben gerade Menschen, die Angst vor dem Fremden haben, vor den Flüchtlingen. An der Stelle appellieren wir: Lerne den einzelnen Menschen doch erstmal kennen. Erst im Kontakt, im Gespräch verstehe ich, wie der andere wurde, was er ist und warum ich bin, wie ich bin! Erst im Reden über meine Vorurteile und meine Ängste lerne ich mich kennen. Im Reden erklären wir uns das Leben. Das geht nicht allein.