Die Rettung ist nah

Muss man alles über den Haufen schmeißen, wenn die Arbeit frustrierend ist? Nicht unbedingt. Die Karriereberaterin Madeleine Leitner sagt, dass 97 Prozent der Menschen im richtigen Job sind. Sie müssen womöglich nur Kleinigkeiten verändern

Im November traf ich einen Bekannten, der nach sieben Jahren in seiner Arbeit ziemlich ernüchtert wirkte. Er klagte über die Aufgaben und über den Umgang zwischen den Kollegen. Dann erzählte er mir von seinen Alternativplänen: zurück in die Heimat gehen, die Branche wechseln, vielleicht Selbständigkeit. Eine solche Diskussion hat ihren Reiz. Dieses Nachdenken über das Mögliche und das Man-müsste-eigentlich. Dann kam mir Madeleine Leitner in den Sinn. Sie berät in München Menschen, die in ihrer Arbeit wahnsinnig werden, die das Gefühl haben, dass da was verkehrt läuft. Vor einiger Zeit traf ich sie für ein Interview. Leitner war selbst mal der Ansicht, dass der Karrierewechsel, der Bruch mit dem alten Job eine gute Lösung ist, wenn die Unzufriedenheit gar so groß wird. Aber das hat sich geändert. Ihre Arbeit hat Leitner gezeigt, dass die meisten Menschen vergleichsweise kleine Dinge ändern müssen, um den Job wieder zu mögen. Die Rettung ist näher als wir denken. Hier ein Auszug aus dem Gespräch, das wir vor vier Jahren führten.

Sie sagen: Wer am Arbeitsplatz unzufrieden ist, muss nicht gleich etwas ganz Neues suchen. Warum?

Das ist die Erkenntnis aus vielen hundert Gesprächen mit Klienten. Entscheidend ist, dass ich differenzierter nachsehen muss, woher die Unzufriedenheit eines Menschen in seinem Job überhaupt rührt. Oft hat sie gar nichts mit dem zu tun, was er den ganzen Tag lang macht, es geht vielmehr um ganz einfache Fragen: Stimmt die Chemie mit den Kollegen? Wie sind die Arbeitsbedingungen? Wie hoch ist der Zeitdruck, wie ist das Betriebsklima? Werden Sie in Ihrem Arbeitsalltag unterfordert oder überfordert?

Wenn ich meine Arbeit schlimm finde, dann muss das also nicht gleich an der Aufgabe oder am Arbeitsinhalt liegen.

So kann man es sagen.

Also wäre es dumm, aus Frust von Manager auf Almwirt umzuschulen?

Ich dachte ja auch anfangs, es gäbe diese eine Tablette, mit der man die Krankheit namens Unzufriedenheit kurieren könnte. So hatte ich es in den USA gelernt. Ich glaubte an eine Einheitslösung, die bei allem hilft, nämlich an den Karrierewechsel. Heute weiß ich, dass man die Unzufriedenheit erst einmal beschreiben und vor allem gründlich analysieren muss. Daher arbeite ich mit den Menschen auch ihre persönliche und berufliche Biografie auf. Das ist sehr hilfreich. Meine Zeit als Psychotherapeutin kommt mir dabei nun ganz neu zugute.

Trotzdem scheint der Gedanke ans Umsatteln etwas Tröstliches zu haben. Da gibt es so viele schöne Geschichten: von einer Frau, die erst beim Fernsehen arbeitete und dann eine Jugendherberge im Alpenvorland übernahm. Vom Herzchirurgen, der Lkw-Fahrer wurde. Oder all die „Raus aus Deutschland“-Filme über Auswanderer.

Die Medien sind sehr bewusst auf der Suche nach solchen extremen Fällen. Die kommen in Wahrheit nur äußerst selten vor.

Aber viele Menschen sehnen sich in ihrem komplizierten Alltag nach einem anderen, auch einfacheren Leben. Woher kommt dieses Bedürfnis?

Aus meiner Sicht ist das unter anderem ein psychologisches Phänomen: Der Mensch gewöhnt sich an alles Gute in seinem Leben und im Job. Wenn er nun lange einer Arbeit nachgeht, nimmt er irgendwann nicht mehr wahr, was ihm daran gefällt. Jetzt sieht er Tag für Tag nur noch das Schlechte – den Ärger mit einem bestimmten Kollegen oder die vielen Aufgaben. Mancher Teilnehmer ging kopfschüttelnd aus meinem Seminar, stand an der Garderobe und sagte: „Ich wusste gar nicht, wie toll mein Job ist.“

Ist das Ihre Aufgabe: den Menschen sagen, was gut an ihrer Arbeit ist?

Wenn Sie unzufrieden sind, fördert erst eine genaue Analyse Ihres aktuellen Jobs das wirkliche Problem zutage. Meist zeigt sich dabei, dass Sie wahrscheinlich nicht alles ändern müssen, sondern nur eine bestimmte Komponente. Man kann auch das falsche Problem lösen und hat dann ein noch größeres als vorher.

Nicht bei allen Menschen wird es reichen, an ein paar Schrauben zu drehen. Wie vielen Klienten legen Sie einen radikalen Wechsel nahe?

Ich habe mittlerweile mehr als tausend Menschen beraten. Aus meiner Sicht sind bei genauer Betrachtung nur etwa drei Prozent wirklich im falschen Beruf gelandet.

So wenige?

Ein Beispiel war eine im Marketing sehr erfolgreiche Frau. Allerdings kommt sie aus einer Familie, in der alle traditionell Ärzte waren. Auch sie wäre am liebsten Ärztin geworden. In ihrer Familie hatten ihr aber alle davon abgeraten – wegen der Arbeitsbedingungen. Nun bereute sie es, diesem Rat gefolgt zu sein. Dieser Frau hätte ich tatsächlich zum Wechsel geraten. Nur war es dafür schon zu spät. Nach Medizinstudium und Facharztausbildung wäre sie beim Jobeinstieg älter als 50 Jahre gewesen.

Wenn drei Prozent im falschen Job sind – haben dann 97 Prozent ihren richtigen Platz gefunden?

Zumindest sind sie gar nicht so verkehrt gelandet, wie sie selbst oft denken. Ich betreue gerade eine Führungskraft aus der IT-Branche. Die Frau ist ausgebrannt. Sie geht auf dem Zahnfleisch, weil sie so viel arbeiten muss. Weil vieles an ihrer bisherigen Tätigkeit bei genauerer Betrachtung stimmt, muss sie nicht alles ändern. Sie kann auch ein anderes Unternehmen in derselben Branche suchen, in dem die Leute nicht so verschlissen werden. Das ist außerdem viel leichter zu realisieren.

Eigentlich ist der Gedanke beruhigend, dass man seine Berufsbiografie nicht gleich in die Tonne treten muss, nur weil es im Augenblick mit der Arbeit nicht so gut läuft.

Auch wenn es banal klingt: Manche sitzen vielleicht nur im falschen Zimmer. Ich hatte selbst mal ein Büro, aus dem ich in einen tristen Hinterhof schauen musste. Es war deprimierend. Aber, und das ist die entscheidende Frage: Muss ich deswegen gleich eine Bar auf Mallorca eröffnen?