In einem Entschluss liegt eine unglaubliche Stärke

Samuel Kutter hat den Hangbird entwickelt, einen Wäscheständer, der per Seilzug an die Wohnungsdecke verschwindet. Eine Geschichte übers Gründen und die Kraft von Entscheidungen. Und über den Mut, sich von der Ausbildung nicht das Leben diktieren zu lassen

Im Dezember streifte ich über die Heim+Handwerk, eine Messe für Bauen und Wohnen in München. In einer Halle stieß ich auf Samuel Kutter und seinen Hangbird. Das ist ein Wäscheständer, den man mit einem Seilzug direkt unter die Decke eines Zimmers ziehen kann. Ein schöner Einfall. Spart Platz. Wir unterhielten uns kurz über die Funktionsweise, über Selbständigkeit ganz allgemein, über die Mühen eines Messeauftritts. Ich wünschte viel Erfolg.

Zuhause dachte ich beim Wäscheaufhängen immer wieder an Samuel Kutter. Wie weiß man, wann es Zeit ist, sich mit einer solchen Idee selbständig zu machen? Woher weiß man, dass es das wert ist? Was lernt man dabei?

Vor einigen Tagen verabredete ich mich zum Gespräch mit dem Jungunternehmer. Wie lief die Messe? „Die Heim&Handwerk hat schon Verkäufe gebracht“, sagt Samuel Kutter. „Aber ob es im Verhältnis zum Aufwand etwas bringt? Ich weiß es nicht.“ Kutter, 42, spricht angenehm offen und mit einer gesunden Distanz über seine Arbeit. „Der Hangbird ist kein Produkt, das man leichtsinnig kauft. Viele sehen es und bestellen erst viel später.“ Er überlegt. „Dafür habe ich bisher keine Retouren: Die Leute überlegen sich die Anschaffung gut.“


Vor fünf Jahren erwarten Samuel Kutter und seine Frau ein Kind.


Die beiden betrachten ihre Münchner Stadtwohnung und machen sich Gedanken über den Platz. Dauernd ist der Wäscheständer im Weg. Kutters Frau möchte ihn immer ins Wohnzimmer stellen, er selbst ist fürs Schlafzimmer. Schließlich erinnert sich Samuel Kutter an seine Studienzeit in Großbritannien. Damals nutzt er in seiner Wohnung eine einfache Version eines Wäscheständers, der sich an die Decke ziehen lässt. Kutter baut sich ein eigenes, neues Modell nach und spart mitten in München Platz zum Leben.

Das Spannende an einer Gründungsgeschichte ist ja oft gar nicht die Idee. Ideen kann man sich suchen, die kann man mit ein bisschen Mühe finden. Man muss nur anfangen, den Alltag nach Problem zu durchsuchen und sich dann fragen, wie man die lösen kann. Spannender ist aus meiner Sicht der Transit in die Selbständigkeit. Gründen wird nicht unterrichtet. Weder Lehrer noch Eltern noch Freunde ermuntern einen ausdrücklich zur Selbständigkeit. Es gibt ein klassisches Lebensmodell, in dessen Zentrum die Idee von angestellter, sicherer Arbeit steht. Gründen hat deshalb etwas Rebellisches an sich. Wer tauscht schon gern Sicherheit gegen Unsicherheit? Warum sollte man das machen?

Samuel Kutter studierte Theoretische Physik an der Universität von Cambridge und machte nach dem Abschluss seinen Doktor. Ein viel besseres Fundament kann man seinem Berufsleben wahrscheinlich nicht geben. Aber garantiert das Zeugnis einer renommierten Universität auch Zufriedenheit? „Ich habe die Physik sehr gemocht, ich mag sie immer noch“, sagt Samuel Kutter. „Nur ist man in der theoretischen Physik sehr stark auf ein enges Wirkungsgebiet beschränkt. Die Wissenschaft teilt sich in viele feine Äste. Nur ein paar Tausend Leute weltweit verstehen, was man auf seinem Ast macht. Und nur wenige Dutzend interessieren sich wirklich für die eigene Arbeit.“ Kutter überlegt.


„Ich suchte einen breiteren Horizont. Ich wollte in meinem Leben mehrere Saiten spielen.“


Kutter geht zu einer großen Unternehmensberatung. Quereinsteiger sind dort grundsätzlich gerne gesehen. Verschiedene Sicht- und Arbeitsweisen bereichern das Team und die Kunden. Irgendwann fällt Samuel Kutter etwas auf. „Da war immer noch soviel Theorie“, sagt er. „Unternehmensberater sind vor allem Theoretiker.“ Täglich kann Kutter seine Arbeit als Berater mit der eines Unternehmers vergleichen. „Unternehmer haben eine andere Energie, eine andere Überzeugung in ihrer Sache. Gerade im Mittelstand und in kleinen Betrieben ist mir das aufgefallen: wie sich die Chefs verhalten, wie sie denken, wie sie Dinge umsetzen.“

Samuel Kutter wechselt zu einem Energiekonzern in München und wird schließlich selbst zum Unternehmer. Ein Freund bittet ihn, in seinen Energie-Start-Up einzusteigen: Heliovis entwickelt eine neue Technik zur Nutzung der Sonnenenergie. Für Kutter ist die Arbeit wie eine Ankunft. „Es kam Schritt für Schritt“, erinnert er sich. „Von der Physik zur Beratung, dann in ein Unternehmen und dann zu Heliovis. Dort habe ich meinen Futtertrog gefunden. Die Arbeit war so vielseitig, von der Finanzplanung bis zur Immobiliensuche. Wir mussten im Team alles selbst machen – technische Probleme lösen oder Flyer gestalten. Das gefiel mir. Kleine Strukturen bieten Abwechslung.“

Irgendwann steigt Kutter aus. Es liegt nicht an den Kollegen und schon gar nicht an der Arbeitsweise. Er macht sich auf die Suche nach anderen Firmen und Start-Ups, in denen sein Wissen und sein Engagement Verwendung finden könnten. Ein ernüchternder Prozess. „Wenn Sie ein klares Profil haben, für das es klare Jobbeschreibungen gibt, ist die Suche nach Arbeit einfach. Aber das hatte ich nicht. Es gibt keinen Stellenmarkt für das, was ich suchte.“ Kutter suchte eine Form von Partnerschaft. Er will selbständig arbeiten und wünscht sich Abwechslung. Es ist schwierig.

In der Zwischenzeit loben Besucher den selbstgebauten Wäscheständer. Witzig, sagen viele. Kutter wälzt den Gedanken: Wäre das was? Ein Vierteljahr arbeitet er daran, legt den Ansatz wieder zur Seite. Es beginnt ein konstantes, inneres Selbstgespräch: Willst du dich wirklich mit einem einzigen Gegenstand und Produkt selbständig machen? Man soll doch nie eine Firma gründen, die nur ein Produkt vermarktet. Ist das nicht verrückt? Vor allem in der digitalen Zeit? Einen Wäscheständer? Als promovierter Physiker?

Dann schiebt Samuel Kutter die Fragen zur Seite und versucht es mit einem kühlen Blick, mit einer Art Diagnose: Es gibt bereits hängende Wäscheständer. Die aber sehen nicht besonders schön aus. Es gibt keine hängenden Wäscheständer mit Holzrahmen, mit verschiedenen Seilfarben, in hochwertiger Verarbeitung. „Das Produkt scheint banal zu sein“, sagt Samuel Kutter. „Aber es löst ein Problem.“ Der Wäscheständer schafft Platz. Außerdem trocknet weiter oben im Raum die Wäsche schneller.


Mitte 2015 fängt Samuel Kutter an.

Eine Crowdfundingkampagne bringt Aufmerksamkeit und erste Kunden. Die Idee erzeugt Resonanz. Weil sie simpel wirkt, so leicht. Aber gerade das erweist sich als grobe Täuschung. Die Holzstücke, die Seile, die Beilagen, das Zusammenspiel der Komponenten, der Montageaufbau: Kutter spricht von einer erheblichen Komplexität. „Mein Respekt vor anderen Produkten ist in den vergangenen Jahren gewachsen. Sehen Sie sich nur einen Bleistift an. Der sieht so einfach aus. Aber in der Produktion steckt so viel Wissen und Erfahrung.“

Die Arbeit am „Hangbird“ verändert Kutters Sicht auf die Gesellschaft. Wenn ihn ein Kunde in der Werkstatt aufsucht, dann nimmt er ihn fortan nicht mehr als den promovierten Physiker wahr, sondern als den Typ, der den Hangbird herstellt. Samuel Kutter kommt ins Nachdenken: Ist der Mensch das, was er tut? Er geht durch München und steckt Flyer für seinen Hangbird in Briefkästen. Ein Perspektivwechsel. Er erlebt eine seltsame Form von Verachtung, von Nichtbeachtung. Er wird aus Hauseingängen verscheucht und angeblafft. Aber Samuel Kutter hat Verständnis für die Reaktionen. Immer wieder steckt er seine Flyer in Briefkästen von Menschen, die sich ausdrücklich keine Werbung wünschen. „Man entwickelt ein rebellisches Verhalten“, erinnert er sich. „Ich wusste: Wenn ich meine Flyer nur in Briefkästen ohne ,Keine Werbung’-Aufkleber stecke, werde ich sie nie los.“ Immerhin, die kleine Frechheit zahlt sich aus. Aus einigen Häusern kommen wirklich Bestellungen.

Fast 300 Hangbirds hat Samuel Kutter inzwischen verkauft, fast jeden Tag kommt eine neue Bestellung. Fast jeden Tag sieht Kutter, dass Selbständigkeit schöne und anstrengende Seiten hat. Er staunt noch immer, wie schwierig es ist, einen Arbeitsplatz zu schaffen und einen Menschen anzustellen. Soviel Papierarbeit, so viele Regeln, so viele Hürden. Er träumt von einem „One Stop Shop“, in dem während eines Besuchs alle Formalien zur Anstellung eines Mitarbeiters geregelt werden können. Sozialabgaben, Steuern, Versicherungen. Eine solche Einrichtung würde schneller den Blick für die Zukunft freimachen. Samuel Kutter hat den Zauber von Entscheidungen schätzen gelernt. „In einem Entschluss liegt eine unglaubliche Stärke“, sagt er. „Selbst wenn sich eine Entscheidung nicht als 100 Prozent richtig herausstellt – sie löst etwas aus. Sie setzt Energie frei.“ Kutter erinnert sich, wie er die Herausforderung Hangbird annahm. Es hatte etwas Befreiendes, die Zone des „vielleicht“, des „mal sehen“ zu verlassen. Er mietete sich in einen Coworking Space im Münchner Impact Hub ein und erlebte abermals einen Schub. Gerade muss er sich für eine Versicherung entscheiden. Für einen Holzlieferanten. Für die Menge der nächsten Produktionscharge. Jede Entscheidung wird etwas freisetzen. Und das ist gut zu wissen.