Wir brauchen mehr Konfirmationsunterricht

Jutta Allmendinger ist eine der bekanntesten Soziologinnen in Deutschland. Sie sagt: Die Umbrüche im Lauf eines Menschenlebens sind mittlerweile so groß und so häufig, dass sich die Menschen später im Leben nochmal zu einer zweiten oder dritten Ausbildung treffen sollten. So könnte aus einer Gesellschaft wieder eine Gemeinschaft werden
Ein Interview war immer dann gut, wenn ich heimkomme und gleich davon erzählen will. Eine Anekdote oder eine Lehre zum Beispiel. Mit Jutta Allmendinger ging es mir neulich so. Ich traf sie in Hamburg für ein Gespräch. Allmendinger ist Soziologin und Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin. Für eine Wissenschaftlerin spricht sie angenehm plastisch und klar. Das ist der eine Grund, weshalb sie in der Öffentlichkeit gern gesehen ist. Der andere: Sie beschäftigt sich mit uns. Mit der Gesellschaft. Mit unserem Zusammenleben.
Für die sogenannte Vermächtnisstudie befragte Jutta Allmendinger im vergangenen Jahr 3000 Menschen nach ihren Lebensvorstellungen. Die Ergebnisse sind interessant, die Wochenzeitung DIE ZEIT hat sie ausführlich aufbereitet. Allmendinger hat schon viele solcher Umfragen und Projekte hinter sich. Es ergibt Sinn, mit ihr zu reden, wenn man etwas über den Zustand des Landes erfahren will.
Wir sprachen unter anderem über Bildung und Digitalisierung und was die Vermächtnisstudie dazu sagt. Viele junge Menschen sind nach Allmendingers Erfahrung ziemlich selbstkritisch, wenn es um digitale Medien geht. „Sie würden ihren Kindern zu Vorsicht im Umgang mit digitalen Medien raten“, sagt die Soziologin. „Ältere Personen wünschen sich hingegen so schnell wie möglich ein Schulfach zur Digitalisierung. Sie haben den Eindruck, von der technologischen Entwicklung abgehängt zu sein.“

Das Problem ist nicht neu.


Die einen kommen ohne Internet nicht mehr durchs Leben. Die anderen haben den Eindruck, in ihrem Leben nicht mehr im Internet anzukommen. Das kann man mit einem Schulterzucken hinnehmen. Man kann hoffen, dass das Wissen irgendwann und irgendwie von den Jungen zu den Alten findet. Aber Jutta Allmendinger ist da strenger. Wenn ein Teil der Gesellschaft Dinge weiß, von denen der andere keine Ahnung hat, sei das ein Problem:
 „Wir haben bislang ein System, das gleich zu Beginn alle Bildung in die Menschen kippt. Danach sollen sie 45 Jahre arbeiten, um eine austrägliche Rente zu erreichen. Hier liegt das Problem: Ich empfehle eine neue Aufteilung der bisher üblichen drei Blöcke Ausbildung, Arbeit, Ruhestand. Wir müssen ein zweites Bildungssystem aufbauen, das wir nach etwa 15 Jahren Erwerbstätigkeit wieder besuchen. Die Umbrüche während eines Lebens sind mittlerweile so groß, dass wir an eine zweite oder gar dritte Berufsausbildung denken müssen. Das können durchaus ganz neue Berufsfelder sein.”
Ausbildung, Arbeit, Rente, diese ewige Dreiteilung. Pausen zur Kindererziehung, zur Pflege der Eltern, zum Durchschnaufen, zum Weiterbilden sind nicht wirklich vorgesehen. Viele, die Allmendinger mit ihrem Team für die Vermächtnisstudie befragte, beklagen das. Sie finden den Sog dieses Lebens so seltsam. Er nimmt uns in der ersten Schulklasse gefangen, zieht uns durch Ausbildung und Beruf und lässt uns erst im vermeintlichen Ruhestand in Frieden. Es gibt keinen Ort zum Ausruhen in der Mitte. Kaum Zeit zum Nachdenken, zu Austausch oder Neuorientierung.
Ich fragte Jutta Allmendinger, welche Vorteile aus ihrer Sicht ein zweites Ausbildungssystem hätte. „Viele“, antwortete sie. „Bleibt man bei dem zunächst gewählten Beruf, eignet man sich die neuen Entwicklungen an. Stirbt der Beruf aufgrund technologischer Entwicklungen aus, oder ist es zu belastend, um ihn 45 Jahre lang auszuüben, erlernt man einen neuen. Ich verbinde aber noch eine weitere Hoffnung damit: erweiterte Netzwerke, das Miteinander unterschiedlicher Menschen, die sich sonst nie treffen würden.

Ich erinnere mich an den Konfirmationsunterricht:


Während ich in der Schule unter meinesgleichen war, traf ich dort wieder unterschiedlichste Kinder. Wenn wir auf solche Begegnungsmöglichkeiten verzichten, verstehen sich die unterschiedlichen Personenkreise nicht mehr und finden keine gemeinsamen Themen. Daher trete ich auch für einen Zivildienst für alle ein.”
Und das war es, was ich erzählte, als ich von dem Gespräch mit Jutta Allmendinger nach Hause kam: die Sache mit dem Konfirmationsunterricht. Nach dem Ende der Schulzeit gibt es kaum noch Orte, an denen Menschen aus allen Ecken der Gesellschaft zuverlässig aufeinandertreffen würden. Wir verabschieden uns in unsere Ausbildung, in unsere Cliquen, in unsere je eigenen Lebenswelten. Das ist zunächst nichts Schlechtes. Der Mensch braucht die Sicherheit seiner Blase. Nur leider geht dabei irgendwann das Gespür für die Welt verloren. Für die Probleme der anderen. Für gesellschaftliche Entwicklungen. Der Strom des Austausches versiegt, egal ob über Politik oder technische Veränderungen. Es fehlt ein Raum, in dem die verschiedensten Menschen voneinander lernen können, was ihnen das Leben beigebracht hat. Vielleicht waren die Kirchen mal dieser Ort. Vielleicht sind es die Vereine. Aber beide Institutionen hadern tüchtig. Sie verlieren soviel Zuspruch.
Womöglich gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser Beobachtung und der Krise der Demokratie. Wenn die Gesellschaft in unterschiedliche Interessens- und Wissensgemeinschaften zerfällt, geht Gemeinschaft verloren. Dieses Gefühl, dass man Probleme miteinander regeln kann, dass man gemeinsam leichter mit der Welt fertig wird. Deshalb glaube ich Jutta Allmendinger. Wir brauchen ein zweites Ausbildungssystem. Wir brauchen wieder mehr Konfirmationsunterricht.