Das Leben ist der Lehrer

Die kurze Geschichte von Konstantin und seinen Kamelen. Dazu die Frage: Muss man alles immer so machen muss, wie es die anderen machen?
Auf einer Weide nahe München treffe ich Konstantin Klages. Der Sechsundzwanzigjährige fängt gleich an zu erzählen.
„Also wir haben hier zwölf Kamele, drei Esel und sechs Lamas. Angefangen hat alles vor 21 Jahren, da sind meine Eltern aufs Land gezogen und haben sich im Mangfalltal einen Bauernhof gekauft …“
So beginnt er seine Geschichte. Er krault den Kopf von Kamelstute Suleika, die am Boden sitzt und fristt. Suleika lässt sich daraufhin zur Seite fallen, dreht sich auf den Rücken und wälzt sich.
Die ersten drei Tiere kaufte der Vater einem Zirkus in Grünwald ab, weil er „Rasenmäher“ für das Hofgrundstück brauchte. Im Alter von vierzehn Jahren nahm sich Konstantin der Tiere an. Er organisierte kleine Ausritte. Die Leute mochten das sanfte Gewackel ins nahe Mangfalltal und, auf den Höhen, den Blick in die Alpen. Als das Abitur heranrückte, dachte Konstantin über seine Zukunft nach. Tiermedizin kam zuerst in Frage und dann aber doch nicht, weil Tierärzte nur mit kranken Tieren zu tun haben. Er schaute sich nach Alternativen um, erkannte aber, dass nichts zu ihm passte. So wurde er, wie er es selbst nennt, Kameltreiber.
Die Herde ist mit den Jahren gewachsen, sodass mittlerweile Kindergruppen, Betriebsausflügler oder Menschen, die mit einem Ausritt ihren Junggesellenabschied feiern möchten, bei Konstantin vorsprechen. Im Sommer gehen die Tiere manchmal fünf Touren am Tag. Im Winter stehen sie häufig irgendwo in Bayern in lebenden Krippen oder tragen bei Prozessionen die Heiligen Drei Könige durch eine Ortschaft.

Willst du nicht studieren?


Exotische Tiere sind auf deutschen Weiden keine Ausnahmen mehr. Viele Landwirte suchen Nischen, in denen der Wettbewerbsdruck nicht gar so hoch ist. Deshalb grasen Wasserbüffel genauso auf den Koppeln wie Yaks oder Bisons. Der Vorteil der Kamele – die ursprünglich aus Zentralasien stammen und mit Hitze und Temperaturen bis minus sechzig Grad zurechtkommen – ist, dass man auf ihnen reiten kann. Außerdem haftet an ihnen der Zauber des Orientalischen, das mögen Konstantins Gäste. Aber sie wundern sich häufig über ihn. „Willst du nicht studieren?“, fragen sie immer wieder. „Du hast doch nichts gelernt!“
Konstantin entgegnet dann regelmäßig, dass er sich das Leben genau so vorgestellt hat, wie es gerade ist. Außerdem habe er in seiner Arbeit auf dem kleinen Kamelhof wirklich viel gelernt. Er erzählt dann vom Umgang mit den Tieren und den Mitarbeitern und Kunden. Er erzählt von Tagen, die um sieben Uhr morgens mit dem Füttern der Tiere beginnen und um 23 Uhr am Schreibtisch vor der Abrechnung oder der Steuererklärung enden. Er berichtet von der schwierigen Akquise in den ersten Jahren. Manchmal stellte er den Geschäftsführern der Unternehmen ein echtes Kamel vor die Tür und warb um Verwendung beim nächsten Betriebsausflug. Er wurde zum Selfmade-Landwirt, baute einen Stall, kaufte einen Traktor, lernte den Umgang mit einem Mähwerk. („Du musst erst mal die richtigen Schnitthöhen rausfinden.“) Konstantin spricht bei unserem Treffen auf der Weide über sein Leben und wie er entlang der Bedürfnisse der Kamele gewachsen ist. Am Ende schaut er fragend, als wolle er sagen: Ist das alles denn keine Ausbildung?